Bezirksgericht

Komplize oder bloss ein Sündenbock?

Einem Mann wird betrügerischer Konkurs vorgeworfen. Gestern stand er deshalb vor dem Bezirksgericht Winterthur. Für den Verteidiger ist sein Mandant jedoch nur ein Sündenbock in einer weitaus grösseren Geschichte.

Der Fall wird im Bezirksgericht Winterthur verhandelt.

Der Fall wird im Bezirksgericht Winterthur verhandelt. Bild: Marc Dahinden

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Bereits eine halbe Stunde vor Prozessbeginn tigert der Beschuldigte im Foyer des Bezirksgerichts umher. Als der Mittvierziger im weissen Hemd und schwarzen Jackett im Gerichtssaal sitzt, wippt er ständig unkontrolliert mit seinem Fuss. Die Sohle seines schwarzen Lackschuhs quietscht dabei.

Dem Vater von zwei Kindern drohen 32 Monate Gefängnis. Dies, weil das Bezirksgericht Zürich ihn bereits 2016 wegen mehrfacher Urkundenfälschung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt hatte. Nun wird ihm nebst dem gleichen Tatbestand wie damals auch noch betrügerischer Konkurs vorgeworfen.

Als Vermittler angeheuert

Die Geschichte beginnt in einer kleineren Gemeinde in der Region Winterthur, in der damals eine Baufirma ansässig war. Im August 2015 tritt deren Geschäftsführer an den Beschuldigten heran und bittet ihn um Hilfe. Man kennt sich von früher. «Er hatte Arbeiten für Kunden ausgeführt, aber die wollten nicht bezahlen», sagt der Beschuldigte. Er kennt die involvierten Unternehmen, soll deshalb zwischen den verschiedenen Parteien vermitteln und dafür eine Provision von fünf bis zehn Prozent erhalten. Nach fast einem Dutzend Sitzungen ist er erfolgreich. Ein Kunde zahlt etwa statt der berechneten 200 000 Franken noch 120 000 Franken zurück.

«Erstunken und erlogen.»Der Beschuldigte 
während der Befragung

Die finanziellen Engpässe der Baufirma – der Beschuldigte beteuert, nichts davon gewusst zu haben – scheinen überwunden zu sein. Was der Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht weiss: Der Geschäftsführer hat längst kein Interesse mehr, das Unternehmen vor dem Konkurs zu retten. Er will nur noch möglichst viel Geld für sich rausholen und die Firma abstossen. Dabei helfen soll ein sogenannter Firmenbestatter, der marode Unternehmen übernimmt, bis sie in Konkurs gehen. Beim Bestatter gibt es später kein Geld zu holen, der ehemalige Geschäftsführer kann sein Kapital so retten.

Viertelmillion abgehoben

Spätestens im April 2015 steht fest, dass die Baufirma überschuldet ist. Der Treuhänder teilt dies damals dem Geschäftsführer mit. Sanieren oder Bilanz deponieren, lautet der Ratschlag. Rechnungen hat der Chef da bereits seit mehreren Monaten nicht mehr bezahlt, obwohl noch Geld auf den Konten vorhanden ist. Im Sommer weiht der Geschäftsführer seinen Bruder in den Plan ein, noch möglichst viel Geld aus dem Unternehmen rauszuziehen. Das Gespräch endet im Streit, kurz danach entlässt der Geschäftsführer seinen Bruder. In den nächsten Monaten wird das Konto geplündert, der Maschinenpark und Werkzeuge aus den Räumen der Firma verschwinden. «Ein Volumen von rund zwei Lastwagenladungen», sagte der Verteidiger gestern in seinem eineinhalbstündigen Plädoyer.

«Das ist frei erfunden und entbehrt jeder Grundlage.»Der Verteidiger
in seinem Plädoyer

In diesem Zeitraum hebt der Geschäftsführer auch rund eine Viertelmillion Franken vom Konto der lokalen Raiffeisenbank ab. Als Belege hatte er 14 Rechnungen dabei, die allerdings fingiert waren. Dass er das wusste, bestreitet der Geschäftsführer. Er habe diese vom Beschuldigten erhalten, dem er anschliessend auch die Viertelmillion Franken übergeben habe. Die Staatsanwaltschaft findet, dadurch habe der Beschuldigte Geld aus der Konkursmasse entzogen und sich des betrügerischen Konkurses schuldig gemacht.

Im Spätherbst will der Geschäftsführer seine Firma nur noch loswerden: Er sucht jemanden, der sie übernimmt. Der Beschuldigte liefert dem Geschäftsführer einen Kontakt zu einem Firmenbestatter: Christian B.

Just wenige Tage bevor das Geschäft auf ihn übertragen werden soll, wird B. verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, 127 Firmen an die Wand gefahren und Betreibungen in der Höhe von 13,3 Millionen Franken angehäuft zu haben. Im Frühling 2017 wird er vom Bezirksgericht Zürich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Laut der NZZ war Christian B. nur einer von schweizweit 15 Firmenbestattern, die in einem Netzwerk zusammenarbeiteten.

«Dunstkreis der Hells Angels»

Für den Beschuldigten des gestrigen Prozesses wird die Situation vor drei Jahren zum Problem, als Christian B. plötzlich nicht mehr auf Telefonanrufe reagiert. Sein Chef setzt ihn unter Druck: «Du hast ihn mir empfohlen, du bist verantwortlich.» Er habe ihn bedroht, sagt der Beschuldigte. «Ich hatte Angst.» Der Geschäftsführer besitzt laut dem Verteidiger Kontakte «in den Dunstkreis der Hells Angels».

Der Beschuldigte fälscht deshalb die benötigten Unterschriften für das Handelsregister und macht sich somit der Urkundenfälschung schuldig, was er auch zugibt. Er streitet jedoch ab, je die Viertelmillion Franken vom Geschäftsführer erhalten zu haben. Auch hinter den fingierten Rechnungen stecke er nicht. Als «erstunken und erlogen» bezeichnete er diesen Vorwurf. Pikant: Die Rechnungen stammen von zwei Firmen, in denen der Beschuldigte zuvor gearbeitet und Anteile hatte. «Das ist frei erfunden und entbehrt jeder realen Grundlage», plädierte der Verteidiger gestern vor Bezirksgericht. Auf dem Computer des Beschuldigten habe die Polizei weder fingierte Rechnungen noch Mails darüber gefunden. Der Geschäftsführer habe den Beschuldigten «gezielt für ein perfides Spiel missbraucht» und wende eine «unhaltbare Schutzbehauptung» an. Um Geld zu verstecken, brauche es keinen Komplizen.

Anfang 2016 meldet die Baufirma Konkurs an, im Handelsregister eingetragen: Christian B.

Nach rund drei Stunden Befragung und Plädoyer bleibt im Gerichtssaal ein Zwiespalt zurück: Sündenbock oder Komplize? Der Beschuldigte schien sich in einem Umfeld mit krimineller Energie zu bewegen, das offenbaren weitere Details. Gleichzeitig ist auch er kein Unschuldslamm. Das Bezirksgericht verschob das Urteil gestern auf ein unbestimmtes Datum. Den Geschäftsführer der Baufirma hat das Bezirksgericht bereits diesen Sommer verurteilt. (Der Landbote)

Erstellt: 24.11.2018, 09:02 Uhr

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