Zum Hauptinhalt springen

Kompromiss auf Kosten der Prämienzahler

Die tieferen Medikamentenpreise, auf die sich Bundesrat und Pharmafirmen gestern geeinigt haben, entlasten die Prämienzahler um bis zu 720 Millionen. Der Schnitt hätte für die Branche aber viel härter ausfallen können. Ein weiteres Entgegenkommen zeichnet sich ab.

240 Millionen Franken im laufenden Jahr, 480 im nächsten und 720 im Jahr 2015: So viel Geld spart die obligatorische Krankenversicherung, weil die Preise der zugelassenen, kassenpflichtigen Medikamente gesenkt werden. Zumindest gemäss den Zahlen, die Bundesrat Alain Berset gestern präsentiert hat. Aus der Spezialitätenliste, auf welcher jene Medikamente verzeichnet sind, die die Kassen bezahlen müssen, scheiden allerdings laufend ältere Produkte aus und kommen neue hinzu. So dürfte ein Teil des Spareffekts gleich wieder verpuffen. Neue Medikamente sind in der Regel teurer. Laut Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte des Vergleichsdienstes Comparis, wird daher lediglich das Ausgabenwachstum gebremst. Geschenke in Millionenhöhe Die Preissenkungen, die der Bundesrat bereits vor einem Jahr beschlossen und die bis gestern von der Pharmabranche bekämpft wurden, hätten zudem weit stärker ausfallen können. Der Bundesrat machte der Branche von Anfang an grosse Zugeständnisse. Konkret geht es darum, mit tieferen Medikamentenpreisen dem starken Franken Rechnung zu tragen. Seit vier Jahren dürfen Medikamente ab Fabrik in der Schweiz im Prinzip nicht mehr teuerer sein als im Ausland. Als Vergleich werden die Durchschnittspreise aus sechs eher teuren EU-Ländern hinzugenommen und in Franken umgerechnet. Bislang zu einem Kurs von 1.56, obwohl der Euro seit Längerem nicht viel mehr als 1.20 wert ist. Neu gilt ein immer noch zu hoher Kurs von 1.29. Weiter wird die Wechselkursanpassung nicht sofort vollzogen. Für einen Drittel der kassenpflichtigen Medikamente werden die Preise seit 1. November 2012 zu einem Kurs von 1.29 berechnet. Für das zweite Drittel gilt noch bis zum 1. November 2013 und für das dritte Drittel gar bis Ende 2014 ein Kurs von 1.56. Alleine die zeitliche Aufteilung beschert der Pharmabranche in drei Jahren zusätzliche Einnahmen von rund 720 Millionen Franken – auf Kosten der Prämienzahler. Kommt hinzu, dass gut zwei Drittel der in der Schweiz konsumierten Medikamente aus dem Ausland stammen. Von diesen «Subventionen» profitieren also nur in zweiter Linie den einheimischen Produzenten. Weil diese selber mit dem hohen Frankenkurs zu kämpfen haben, wollte sie der Bundesrat mit seinem Kompromiss etwas schonen. Für die Zeit ab 2015 muss ein neuer Mechanismus entwickelt werden, um die Medikamentenpreise festzulegen. Wie Berset gestern sagte, soll dann neben dem Preisvergleich mit dem Ausland wieder der sogenannter «therapeutische Quervergleich» miteinbezogen werden. Damit spielt die Wirksamkeit eines Medikamentes eine zusätzliche Rolle bei der Preisberechnung, obwohl diese in den ausländischen Preisen eigentlich bereits berücksichtigt worden ist. Weil der Bundesrat für die aktuellen Preissenkungen diesen Quervergleich weggelassen hatte, leiteten einige Herstellerfirmen rechtliche Schritte ein. Die Pharmaverbände Interpharma und Vips kündigten an, dass ihre Mitglieder die Klagen nach der gestrigen Einigung der Branche mit Bundesrat Berset zurückziehen werden. Spielraum für höhere Preise Paul Rhyn vom Krankenkassenverband Santésuisse sagt, dass die Pharmabranche nach einer Lösung suche, dank der der Preiszerfall bei den Medikamenten nicht einfach ungebremst weitergehe. Für Experte Schneuwly ist klar, weshalb die Branche den Quervergleich künftig unbedingt wieder mitberücksichtigen will: Anders als beim Auslandpreisvergleich mit dem zur Zeit für die Pharma ungünstigen Wechselkurs handle es sich beim Quervergleich nicht um einen exakten Wert. Er biete deshalb Verhandlungsspielraum bei der Festlegung der Medikamentenpreise und stärke dadurch die Position der Pharmabranche. «Nicht alles, was als Neuerung bezeichnet wird, bringt dem Patienten auch wirklich mehr», sagt Schneuwly. Es bestehe die Gefahr, dass Schein-Innovationen zu höheren Preisen führten. Davor warnt auch Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo (SP, LU). Die Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz fordert deshalb, dass in den Verhandlungen über den neuen Mechanismus zur Bestimmung der Medikamentenpreise strenge Kriterien für den therapeutischen Quervergleich festgelegt werden. Entscheidend sei weiter, wie Auslandpreise und Quervergleich künftig gewichtet werden. Birrer-Heimo erwartet zähe Verhandlungen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch