Zum Hauptinhalt springen

«Kopieren wir die Schweiz»

Monatelang hagelte es in Paris Kritik am Finanzplatz Schweiz. Langsam entdecken die Franzosen aber die Vorzüge des eidgenössischen Wirtschaftsmodells – auch wenn der Nationalrat das Erbschaftssteuerabkommen mit Frankreich abgelehnt hat.

Was ist die Definition der Schweiz? «Ein Banksafe für französische Politiker», urteilte die Pariser Zeitung «Le Monde» im Frühling auf dem Höhepunkt der Cahuzac-Affäre, benannt nach dem französischen Budgetminister, der die Steuerflucht bekämpfen sollte, aber bei der UBS selbst ein Schwarzgeldkonto unterhielt. Sein Rücktritt veranlasste die Regierung von Präsident François Hollande, der Kapitalflucht mehr denn je den Kampf anzusagen und von seinen Landsleuten die «Regularisierung» ihrer Guthaben in Genfer oder anderen Banken zu verlangen. Der Finanzplatz Schweiz galt als Hort des Bösen schlechthin, und die welsche Zeitung «Le Temps» machte in Paris gar ein «Suisse-Bashing» aus. Schweiz nicht mehr des Teufels Nun scheint sich das Image der Schweiz zumindest teilweise wieder zum Guten zu wenden. Den Anfang machte eine PR-Kampagne im Zeichen des Schweizer Kreuzes. In einem Beitrag, der unter anderem auch in «Le Monde» ­erschien, stellte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf klar, dass «in der Schweiz nur sauberes Geld seinen Platz» habe. Schweizer Banken verlangen von französischen Kontoinhabern zugleich und geradezu ultimativ, dass sie ihre Vermögen offenlegen. Kürzlich entliess die UBS sogar Mitarbeiter in Paris und Lyon, weil diese Kunden bei undeklarierten Geldtransfers in die Schweiz geholfen hatten. In Frankreich beginnt man diese Bemühungen schweizerseits zu anerkennen. Das «helvetische Steuerparadies» – so der Sprachgebrauch in Paris – ist nicht mehr des Teufels. Das nationale Vordenkerblatt «Le Monde» nahm am letzten Wochenende sogar das Schweizer Argument auf, auch die britischen und amerikanischen Finanzplätze müssten ihre Trust-Gesetze verschärfen, bevor sie die Steuerflucht nach ­Zürich oder Genf anprangerten. Der französische Steuerfluchtzuständige bei der in Paris domizilierten OECD, Pascal Saint-Amans, fügte als seltenes Lob an, die Schweiz sei «auf dem richtigen Weg». Dass die Schweiz in Paris wieder positive Schlagzeilen macht, hat aber einen weiteren, mindestens so wichtigen Grund: ihre gute Wirtschaftslage, auf die das krisengebeutelte Frankreich neidisch blickt. In einem Bericht über die Zunahme des Schweizer Wirtschaftswachstums im dritten Quartal bringt «Le Figaro» die Dinge auf den Punkt: «Man lebt gut in der Schweiz.» Die konservative Tageszeitung berichtet, 2013 seien zwanzig Prozent mehr Franzosen in die Schweiz ausgewandert – unter anderem, weil dort nicht das Unidiplom, sondern das berufliche Können ausschlaggebend sei. Das Pariser Monatsmagazin «Capital» beginnt eine vierseitige Reportage aus dem östlichen Nachbarland seinerseits mit der Feststellung: «Die Schweizer Wirtschaft ist in Hochform. Und das nicht wegen des Bankgeheimnisses, dessen Ende nahe ist. Nein, es basiert auf solidem und gutem Menschenverstand, der uns ein Vorbild sein sollte.» In der Tat liegt die Schweiz bei allen Wirtschaftsdaten – Wachstum, Aussenhandel, Staatsschuld, öffentlicher Haushalt, Arbeitslosigkeit, Innovation – klar vor Frankreich, wie «Capital» in mehreren Grafiken aufzeigt. Und bei alldem zahlen die Schweizer auch noch tiefe Steuern, wundert sich das Wirtschaftsmagazin, das den Begriff «Steuerparadies» nicht einmal aufgreift: Die Schweizer ar­bei­te­ten mehr, sie hätten eine funktionierende Berufslehre, ihre Beamten ar­bei­te­ten nach Privatrecht, und dank den Referendumsdrohungen halte sich sogar der fiskalische Heisshunger des Staates in Grenzen. Dabei seien vergleichsweise mehr Schweizer als Franzosen Mitglied einer Gewerkschaft. Kurz, meint «Capital»: «Kopieren wir die Schweiz, die keine Krise kennt!» Aufschlussreich war dieser Tage auch eine Diskussion auf der meistbeachteten Radiosendung Frankreichs. Das Morgenjournal des öffentlich-rechtlichen Senders France Inter hatte Ökonomen eingeladen, die zwei neue Parteien gegründet haben – was in sich schon ein Zeichen für die schwierige Wirtschaftslage Frankreichs ist. Denis Payre, Vorsteher der unpolitischen Formation «Nous citoyens» («Wir Bürger»), zählte die Nachteile der französischen Wirtschaft wie die 35-Stunden-Woche auf und meinte darauf: «Gehen Sie in die Schweiz schauen! Dort spricht man zum Teil die gleiche Sprache, man lebt auf dem gleichen Breitengrad. Bloss haben die Schweizer drei Prozent Arbeitslose, während wir auf elf Prozent kommen. Und sie erhalten nicht etwa Hungerlöhne, sie verdienen sogar 20 Prozent mehr als wir Franzosen.» Der Gesprächsleiter fragte, ob dem nicht auch so sei, weil die Schweiz von ihrem Finanzplatz lebe. «Überhaupt nicht», entgegnete Payre, der als Internetunternehmer bis in die USA Erfolg hat. «Das Bankgeheimnis gilt nicht mehr wie früher. Die Schweiz hat vielmehr einen Industrieanteil von 22 Prozent, das ist doppelt so viel wie in Frankreich. Darin liegt der Erfolg begründet.» Wetterumschwung in Paris Den Wetterumschwung in Paris regis­triert auch Jean-Jacques de Dardel, der Schweizer Botschafter in Paris. Vor einigen Monaten hatte das Satireblatt «Le Canard enchaîné» noch gespöttelt, er organisiere für französische Politiker «Parlamentarierreisli» in die Schweiz. Jetzt hat der Diplomat für eine Buchvorstellung in der Botschaft einen ­illustren Redegast gewonnen: Pascal Lamy, Mitglied der Sozialistischen Partei Frankreich und bis vor Kurzem noch Vorsteher der Welthandelsorganisation WTO, spricht zum Thema: «Kann die Schweiz Europa inspirieren?» Die Antwort ist schon in der Frage enthalten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch