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Krieg über dem Olivenhain

Der Arzt Markus Schily bearbeitet in seinen Ferien jeweils einen Olivenhain in der Nähe des Gazastreifens. In diesem Sommer kam es während seines Aufenthalts zum Krieg zwischen Israel und der Hamas. In einem Gastbeitrag schildert er seine Erlebnisse zwischen Traktorenlärm und Raketeneinschlägen.

Sommer 2014. Ich sitze vor meinem «Orienthaus» in Talme Bilu, einem verschlafenen Dorf etwa 15 km von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. Bei einem Raketenangriff habe ich 20 Sekunden Zeit, einen Bunker aufzusuchen. Meistens sind es bis zum Bunker aber mindestens zehn Minuten. Denn der Olivenhain, den ich in meinen Ferien jeweils bearbeite, liegt etwas ausserhalb. 800 junge Olivenbäume müssen bewässert und von Unkraut befreit werden. Meine Helfer sind normalerweise Daniel, Fatma, Rahma, Sabrine und Aischa. Daniel ist Lehrer in einer Schule in Beer Sheva und bessert sein Gehalt durch Arbeit im Olivenhain auf. Fatma, Sabrine, Rahma und Aischa stammen aus dem Beduinendorf Rahat. Wir verstehen uns alle wunderbar, bei der Arbeit wird viel gelacht. Die Frauen sind in der Mehrzahl alleinstehend und freuen sich über etwas zusätzliches Geld. Doch dieses Mal ist es anders: Ich bin alleine mit einem kaputten Traktor. Meine Beduinenfreunde feiern Ramadan und schauen den TV-Sender al-Jazeera; meine jüdischen Freunde sind vor den Raketen in den Norden geflüchtet. Der Traktor muss als Erstes repariert werden. Nach langwierigen telefonischen Verhandlungen bringe ich ihn zu Gabi, der eine kleine Werkstatt im Kibbuz Alumim direkt am Grenzzaun des Gazastreifens betreibt. Die Szenen dort sind skurril: Auf einem Hügel drängeln sich Journalisten, die mit grossen Objektiven gierig Schnappschüsse vom Gazakrieg machen. Um Alumim herum ist die israelische Armee damit beschäftigt, sich zu organisieren. Zahlreiche Fahrzeuge wirbeln riesige Staubwolken auf. Die Soldaten sind keine Berufssoldaten, sondern Bürger, die einen Einberufungsbefehl erhalten haben. Da gibt es den lustigen Coiffeur Jossi und den linken Studenten Avi. Ihr Vorgesetzter ist ein Mann mittleren Alters mit traditioneller jüdischer Kopfbedeckung und stattlichem Bauch, der im normalen Leben als IT-Fachmann arbeitet. Alle diskutieren, wie Israel endlich Frieden haben könnte.

Datteln und Kaffee in Gaza

Jung, frei und ungebunden. Es ist das Jahr 1978, und Europäer fahren gerne nach Israel. Das Land ist schick und jung. Ich arbeite für ein Jahr als Volontär in einer heilpädagogischen Einrichtung in der Altstadt von Beer Sheva. Die Beatles sind Mode. Palästinensertücher gibt es noch nicht in Europa. Es ist mein freier Tag, und ich schlendere durch Arish, eine gemütliche Stadt im Sinai. Dattelpalmen und ein weisser Sandstrand wie aus dem Bilderbuch, keine Touristen. Ein wunderbares blaues Meer, weisse Häuser und Jugendliche, die herumhängen und mich mit Fragen belästigen. Ich steige in ein «Sammeltaxi». Ein weiss gewandeter Araber kauft mir einen Zweig voll mit süssen Datteln, und das Geschenk wird im Taxi von allen Mitfahrenden geteilt. Toleranz und ein Flair vom «echten alten Orient» sind zu spüren. Im Gaza trinke ich noch einen Kaffee, bevor ich mich in ein weiteres Taxi nach Beer Sheva setze. In atemberaubender Fahrt und unter Begleitung von «Allahu akbar»-Rufen aller Mitfahrenden bei brenzligen Überholmanövern geht es im klapprigen Mercedes zurück nach Beer Sheva.

Granaten und Motorenlärm

Eine Rakete hat einen Soldaten getötet, viele andere wurden verletzt, Hubschrauber landen und fliegen weg. Es dauert eine Weile, bis ich in diesem Chaos Gabi finde, da zwischendurch immer wieder Granaten einschlagen. Hier in Alumim zähle ich bis zum Einschlag nur drei Sekunden. Man sieht keine Kinder oder Frauen, da jeder vernünftig denkende Mensch seine Familie in den Norden Israels geschickt hat. Endlich stehe ich vor Gabi, einem Mann mit ruhigen blauen Augen, die seine deutschen Vorfahren verraten. In seiner Werkstatt arbeiten Juden und Araber gemeinsam an gewaltigen grünen Traktoren, deren Motorengebrüll sogar den Lärm der Einschläge übertönt. Ich werde freundlich zum Essen in den gemeinsamen Essraum eingeladen, doch da kommt wieder eine Granate: fast gleichzeitig mit der Sirene. Alle stehen auf und stellen sich wie zum Gebet in die Mitte des Essraumes, wo das dünne Betondach etwas dicker ist. Das Grollen der Artillerie und die Explosionen der Raketen und Granaten begleiten mich ab jetzt die nächsten zwei Wochen. Es wird fast zu einem normalen Hintergrundgeräusch, und unerwartete Stille lässt uns aufhorchen. Meine Reise geht zurück nach Beer Sheva. Hier treffe ich eine befreundete Beduinenfamilie. Samira und ihr Mann arbeiten im Universitätskrankenhaus in Beer Sheva, der Grossvater Ahmed ist pensionierter Lehrer. Wir trinken den süssen Beduinentee, reden Englisch, Hebräisch und etwas Arabisch. Ich kenne die Familie seit dem Jahr 1999. Damals wurde Samira vom Grossvater ohne ihr Wissen zwangsverheiratet, konnte sich dann aber in letzter Minute aus dieser Ehe retten. Jetzt ist sie Krankenschwester.

«Als Radikaler zurück»

Es ist das Jahr 2000. Ich gehe als Arzt in den Gazastreifen. Der israelische Verbindungsoffizier äugt mich durch die runde Nickelbrille an: «Wer nach Gaza geht, kommt als Radikaler zurück, so oder so», warnt er mich, bevor ich mit dem Krankenwagen und dem Arztkoffer in den Gazastreifen abfahre. Der Gazastreifen ist vom israelischen Militär besetzt, es kommt zu ständigen Anschlägen und Gegenangriffen. Palästinenser und Israelis kommen ums Leben. Eine neue Bewegung, die Hamas, wird immer populärer. Jahre später wird der Gazastreifen von Israel komplett geräumt, nur die hochmodernen israelischen Dörfer werden zurückgelassen. Schon lange vorher wird mein Einsatz als Arzt durch einen Tunnelanschlag auf unseren Krankenwagen beendet: Hamas-Kämpfer hatten Abwasserrohre mit Sprengstoff gefüllt und diesen zur Explosion gebracht, als unser Krankenwagen passierte – zum Glück kamen alle mit dem Schrecken davon.

Zu Besuch im Schutzraum

In Beer Sheva schlägt die Stimmung um, als der Grossvater von Samira erklärt, dass die Araber niemals Frieden mit Israel machen würden. Wir führen eine spannende Diskussion über den religiösen Konflikt im Nahen Osten. Wir sprechen von der Hamas-Charta, die von jedem Muslim verlangt, Juden zu töten. Fast wie eine Erlösung hören wir in diesem Augenblick den Raketenalarm und begeben uns in den Schutzraum, wofür wir in Beer Sheva 25 Sekunden Zeit haben. Draussen knallt es dreimal: Einmal mehr konnte das Abwehrsystem «Eiserne Kuppel» die Raketen direkt über uns abfangen. Die Stimmung ist angespannt, und eine richtige Freude über das Wiedersehen will nicht aufkommen. Nach ein paar Höflichkeiten verabschiede ich mich und fahre wieder zurück zu meinen Oliven. Ich träume davon, eines Tages einmal eigenes Olivenöl zu produzieren und in Talme Bilu mit alten Freunden Beduinentee oder israelischen Eiskaffee zu trinken. Das Dorf wurde vor vielen Jahren von bulgarischen und iranisch-kurdischen Juden erbaut. Alle Einwohner sind ehemalige Flüchtlinge, die inzwischen seit mehreren Generationen hier leben. Jede Familie hatte auf der Flucht alles verloren. Israel wurde ihre Heimat. Heute leben nur wenige Dorfbewohner noch von der Landwirtschaft, die meisten arbeiten in der Stadt oder vermieten Zimmer an Touristen. Im Frühjahr blüht das Land um Talme Bilu wunderbar, es gibt saftige Wiesen mit vielen gelben, weissen und roten Blumen. Im Olivenhain tummeln sich Hasen und andere Tiere. Es ist ein ruhiger Ort, an dem nachts ein riesiger Sternenhimmel glänzt. Häufig sitze ich dann mit Freunden bis tief in der Nacht bei den Bäumen.

Frieden wird es geben

Zurück in der Schweiz. Mir fehlen die Menschen aus Israel, egal, ob Juden, Muslime oder Christen. Mittlerweile hat man sich auf einen Waffenstillstand geeinigt. Aber in weiten Teilen der islamischen Welt bekämpfen sich die Muslime gegenseitig, oder sie kämpfen gegen Andersgläubige. Hunderttausende Menschen wurden schon getötet. Das und die Diskrepanz zwischen dem westlichen Wunschdenken einer Zweistaatenlösung und der Hamas-Doktrin, die eine Vernichtung des Staates Israel fordert, ist mit unserer normalen Schweizer Logik weder zu verstehen noch zu lösen. Frieden? Natürlich wird es Frieden geben, nicht morgen, aber irgendwann. Deswegen pflanzen wir in Talme Bilu auch weiter Olivenbäume. Für uns, für Israel, für die ganze Region. Israel ist idealerweise der Traum eines Orienthauses, in dem alle Kulturen nebeneinander existieren dürfen. Bis dahin sehne ich mich nach der Zeit, wo man einen Kaffee nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in Gaza gemütlich trinken konnte, ohne von schwer bewaffneten maskierten Witzfiguren beäugt zu werden.

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