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Kritik und Spiele

Der Tag ist da. Heute werden die Olympischen Spiele in London offiziell eröffnet. Eindrücke aus einer Weltstadt, die olympischen Glanz nicht nötig hat – oder vielleicht doch?

Das Spektakel wird heute bereits am Morgen um 8.12 Uhr eingeläutet. Wortwörtlich: Von St-Pauls-Kathedrale und Big Ben, von Kirchtürmen und Rathäusern in allen Ecken des Landes erschallen für drei Minuten alle verfügbaren Glocken. Was sonst Feuersbrünsten und Friedensfeiern vorbehalten bleibt, ist diesmal Teil des künstlerischen Rahmenprogramms der Olympischen Spiele. Das Läuten stellt «Arbeit Nr. 1197» des Künstlers Martin Creed dar. Die Bevölkerung soll sich mit Fahrradglocken und Ähnlichem beteiligen. Ganz Begeisterte konnten sich vorab ein App aufs Smartphone herunterladen. «Wir sind unglaublich aufgeregt», sagt Ruth Mackenzie, Leiterin der Londoner Kulturolympiade: «Die ganze Bevölkerung kann teilhaben an einem geschichtlichen Ereignis.» Der Olympiazirkus landet in einer Stadt, in der alle teilnehmenden Nationen längst vertreten sind und in der 300 Sprachen gesprochen werden. Braucht die 8-Millionen-Metropole das 16-tägige Mega-Event? Von Anfang an gab es laute Zweifel: Mit Gesamtkosten von umgerechnet 23 Milliarden Franken, wie sie Tony Travers von der London School of Economics berechnet hat, würden die Spiele das rezessionsgebeutelte Land teuer zu stehen kommen. Bewacht von 18 000 Soldaten und 20 000 Polizisten, verwandle sich der vornehmlich von Muslimen bewohnte Osten in eine Festung. In der Stadt mit der ältesten Metro der Welt und einem «mittelalterlichen Strassennetz» sei das Verkehrschaos programmiert. Welche Studie hat recht? Die Befürworter schwärmten von der Umkrempelung des vernachlässigten East End, Wirtschaftsstudien postulierten Milliardengewinne. Vor allem aber wurde von Anfang an die Teilhabe möglichst vieler ganz gross geschrieben. Das Motto: Dabei sein ist alles. Dieser Funke sprang bislang nicht. Am Mittwochnachmittag trabten britische Fussballerinnen auf den Rasen des Millenium-Stadions in Cardiff, um sich mit dem Team Neuseelands zu messen. In letzter Minute hatten die Organisatoren zwar noch Tickets an Schulen verteilt. Doch das Stadion füllte sich trotzdem nur zu einem Drittel. Auch bei den beiden anderen Auftaktspielen in Coventry und Glasgow blieben die Tribünen gähnend leer. Die schottischen Zuschauer kamen immerhin in den Genuss einer Panne, wie sie sich die Autoren der genialen BBC-Satireserie «Twenty Twelve» nicht schöner hätten ausdenken können: Neben den Namen der Spielerinnen aus Nordkorea erschien auf der Anzeigetafel die Flagge von Südkorea. Dass sich die beiden Länder offiziell noch immer im Kriegszustand befinden, hat sich offenbar in die neuerdings nach Unabhängigkeit strebende Region Grossbritanniens noch nicht herumgesprochen. Empört verweigerten die Nordkoreanerinnen das Spiel. Nach einer Entschuldigung durch das Organisationskomitee Locog («menschliches Versagen») kam es doch noch zustande. Nordkorea gewann 2:0. Was jetzt noch schiefgehen kann? Da schaut Jason Prior einen Moment aus dem Fenster im sechsten Stock seines modernen Bürohauses im innerstädtischen Stadtteil Holborn, ehe er antwortet. «Naja, die Vorbereitungen waren extrem gründlich», sagt das Vorstandsmitglied des Management- und Planungskonzerns Aecom. «Ich bleibe aber paranoid bis zum Ende.» Mit seiner früheren Firma Edaw wurde der gelernte Landschaftsarchitekt Prior vor zehn Jahren aufgefordert, sich am Wettbewerb für den Masterplan des Olympiageländes zu beteiligen. Die dar­auf folgenden sechs Monate verbrachten Prior und sein Team im East End, wanderten am Fluss Lea entlang, sprachen mit ungezählten Anwohnern, besuchten Nachbarschaftsklubs und Sportvereine. «Die Leute denken ja immer: Masterplanning hat mit tollen Gebäuden zu tun.» Dabei bestehe höchstens die Hälfte aus Stadtplanung und Bauten. Der Rest habe mit den sozio-ökonomischen Auswirkungen zu tun. Die Präsentation, aus der er als Sieger hervorging, bestritt Prior mit drei Zeichnungen. «Die wichtigste davon war: Wie soll das Viertel in 30, 40 Jahren aussehen?» Für die kommenden 16 Tage wird das Olympiaviertel Newham zwar zum Mittelpunkt der Welt, Prior sieht aber ein neues Zen­trum für die «polyzentrische Stadt London» heranwachsen. «Die Verlagerung der Stadt nach Osten bleibt auch nach Olympia.» Krawalle sind vergessen Tottenham erlebte am Mittwochabend ein «historisches Ereignis». Das olympische Feuer erreichte das armselige Viertel im Norden Londons. Hier nahmen im vergangenen Sommer die Konsumkrawalle ihren Ausgang, damals brannte das Feuer des Protests gegen die Sparpolitik der konservativ-liberalen Regierung. Wie schlecht es vielen Ecken des Landes und seiner Hauptstadt geht, haben gerade die jüngsten Wirtschaftsdaten verdeutlicht: Das Land steckt in der längsten Rezession seit fast 40 Jahren, im zweiten Quartal ging das Bruttoinlandprodukt um 0,7 Prozent zurück, Aussicht auf Besserung ist nicht in Sicht. Wie das «Milliarden-Event für die weisse, wohlhabende Mittelschicht», von dem der englische Sportsoziologe Mark Perryman spricht, wohl ankommt im Multikulti-Viertel der Armen? Von Proteststimmung ist in Tottenham nichts zu spüren. Die kostenlosen Tickets waren binnen weniger Stunden vergeben, in Viererreihen säumen die Menschen die Strasse vor der Ausstellungshalle, welche die Bezirksverwaltung extra frisch hat teeren lassen. Es wäre ja auch zu blöd, wenn Daley Thompson auf dem Weg zur Bühne ins Stolpern geriete. Dort entzündet der Zehnkämpfer, Olympiasieger in Moskau und Los Angeles, mit seiner Fackel einen silberglänzenden Kessel. Die Menge jauchzt kurz. Die Fackel zum Sonderpreis Auf dem Heimweg treffen wir Jonathan Whittingham. Der 28-Jährige engagiert sich ehrenamtlich für Behinderte, macht mit ihnen Sport, bringt sie zu Veranstaltungen. Das hat ihm die Nominierung als Fackelläufer eingebracht. Heute war sein grosser Tag, jetzt hat er das in der Herstellung umgerechnet 760 Franken teure Stück zum Sonderpreis von 305 Franken erworben und lässt sich unentwegt mit begeisterten Fackelfans fotografieren. «Du darfst alle hübschen Mädchen in den Arm nehmen», ruft ein Zuschauer, und Whittingham lächelt verlegen. 300 Meter lang war seine Strecke nur, aber man sieht dem jungen Mann an: Dieser Tag wird ihm unvergesslich bleiben. Er war dabei.

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