Zum Hauptinhalt springen

Kuba und USA steuern eine Beziehung an

Heute wird zum ersten Mal seit über einem halben Jahrhundert eine US-Delegation nach Kuba reisen, um über die diplomatischen Beziehungen zu verhandeln.

Tauwetter zwischen Kuba und den USA: Völlig überraschend verkündeten der kubanische Staatschef Raúl Castro und sein amerikanischer Amtskollege Barack Obama am 17.Dezember, dass die beiden Länder ihre diplomatische Beziehungen wieder aufnehmen. Musik und Jubel erklangen in den kubanischen Strassen, Rumflaschen wurden geöffnet, die Plaza de la Revolucion in Havanna war voller Menschen, ein historisches Datum für Kuba. Auch, weil inhaftierte Kubaner, die wegen Spionage gegen die USA hohe Haftstrafen erhalten hatten, freigelassen wurden. Tagelang zierten die heimgekehrten Helden die Titelseiten der staatlichen Medien. Unzählige Propagandaplakate mussten umgeschrieben werden, denn überall sah man den Ruf «Los cincos volverán», deutsch: Die fünf werden zurückkommen. «Es ist sehr gut, sind sie wieder hier», sagt Angel*, ein Englischdozent der Universität in Trinidad. Wichtiger als das sei das Abkommen zwischen Raúl Castro und Barack Obama, dass über die seit fünfzig Jahren eingefrorenen diplomatischen Beziehungen wieder gesprochen werden soll. «Das wird uns alle viel mehr betreffen», erklärt Angel weiter. Er ist mit seiner Zweisprachigkeit bestens gerüstet, wenn vermehrt Amerikaner nach Kuba reisen werden, wie es Reiseagenturen erwarten.

Mehr Trinkgeld als Lohn

Der 38-Jährige arbeitet an der medizinischen Fakultät der Universität, wo er technisches Englisch unterrichtet. Gerade sind Ferien, und er verdient sich ein Zubrot als Guide, der Touristen in den Hügeln bei Trinidad herumführt. In seiner herkömmlichen Beschäftigung bekommt er monatlich 20 konvertible Pesos (CUC), knappe 20 Franken. Bei den Touristen macht er an einem Tag allein mit Trinkgeld fast die Hälfte davon. Kuba hat ein duales Währungssystem. Die kubanischen Pesos werden von Einheimischen benutzt, um hoch subventionierte Produkte wie etwa Brot und Gemüse zu kaufen. Der CUC hingegen wurde für Touristen eingeführt, hat über zwanzigmal mehr Wert als der lokale Peso und hebt so die Preise auf europäisches Niveau an. 2013 kündigte die Regierung an, dass der CUC abgeschafft werden soll. Seit vergangener Woche druckt die Zentralbank nun Geldscheine von 200, 500 und 1000 lokalen Pesos. Bisher war die grösste die 100-Peso-Note, umgerechnet um die 4 Franken.

Einreise: Weniger Bürokratie

Auch Barack Obama lässt auf Worte Taten folgen: Seit vergangenem Freitag ist der Handel zwischen den beiden Ländern vereinfacht. Beispielsweise können Exilkubaner, von denen es gemäss Schätzungen drei Millionen geben soll, statt 500 neu bis zu 2000 Dollar in die Heimat überweisen. Und US-Banken dürfen Konten bei kubanischen Banken eröffnen. Auch die Einreise von US-Bürgern soll erleichtert werden. Bisher besuchten rund 90000 Amerikaner ihren südlich gelegenen Nachbarn, meist mittels organisierter Reisen oder illegal über Zweitländer. Zwar soll es auch weiterhin vor allem Gruppen vorbehalten sein, aber ebenfalls einfacher für Wissenschaftler, Journalisten und Familienangehörige werden. Auch Reisen mit bildungstechnischem und sportlichem Hintergrund werden weniger bürokratische Hürden haben. Angel hingegen hat keine Pläne auszureisen, im Gegenteil: Gerade baut er ein neues Haus, etwas ausserhalb von Trinidad. «Ich baue so, dass ich ein weiteres Stockwerk obendrauf setzen könnte, um auch Zimmer anzubieten», erklärt er weiter. Bis zu eine Million Touristen aus den Staaten werden erwartet, wenn das Embargo fällt. Genügend Hotelzimmer mit internationalem Standard dafür, die Gäste unterzubringen, gibt es hingegen nicht. So braucht es Alternativen, die man im privaten Sektor findet. «Die USA wollen das Leben normaler Kubaner ein bisschen einfacher, freier, wohlhabender machen», erklärte Obama im Dezember. Schon jetzt beherbergen Familien, die ein Zimmer übrig haben, ausländische Touristen für rund 25 CUC. Die Zimmer befinden sich mitten in der Familienwohnung und sind mit Klimaanlage, Ventilator, Fernseher und Warmwasser ausgerüstet.

Embargo hemmt Entwicklung

Der Bau bei Angel geht nur langsam voran, weil er immer wieder sparen müsse, bis er den nächsten Schritt realisieren könne. Auch kämpft er damit, dass viele Materialien gar nicht vorhanden seien. Beispielsweise die Farbe, aber bei diesem Thema hat er noch ein weiteres Problem: «Meine Frau streitet sich mit mir, welche Farbe das Haus haben soll», sagt er lachend. «Und meine Tochter fordert von mir, dass sie jedes Jahr einen neuen Rucksack bekommt», meint er gequält. Das Embargo führt dazu, dass viele Dinge des Alltags entweder nicht vorhanden oder so teuer wie hierzulande sind. Dass das Embargo schnell fallen wird, stufen Wirtschaftsexperten als unrealistisch ein. Viele Kubaner würden es begrüssen, wenn dieses endlich fallen würde. Die älteren Semester erhoffen sich, dass es der Wirtschaft besser gehen wird und dass Alltagsprodukte billiger werden. Die Jüngeren möchten nebst Internetzugang vor allem Produkte, die es überall auf der Welt gibt, nur hier nicht: Apple-Produkte.

Staat: 5 Millionen Angestellte

Seit der Revolution 1959 wird Kuba kommunistisch geführt. Der heute 88-jährige Fidel Castro übergab 2008 krankheitshalber die Macht an seinen 83-jährigen Bruder Raúl, der alsbald einige Veränderungen einleitete. Beispielsweise gab er damals 178 Berufe frei, die man vorher nicht selbstständig hatte ausüben dürfen. Grösster Arbeitgeber bleibt jedoch der Staat: Heute soll es neben fünf Millionen Staatsangestellten rund 450000 Selbstständige geben. «Längst nicht mehr alle stehen hinter der Revolution. Längst nicht alle sind in der Partei, ich auch nicht», ist sich Angel sicher. Dass es vielen nicht passt, zeigen auch die seit Jahrzehnten in Richtung Miami ablegenden Boote. Viele sind bereits während der Revolution ausgewandert, andere versuchen es immer wieder mit Booten, die 180 Kilometer über das Meer nach Miami zu überqueren. Das spezielle Gesetz – das Cuban Ajustment Law – behandelt kubanische Immigranten speziell: Wer die USA erreicht, wird nicht zurückgeschickt, sondern kann das Bürgerrecht nach 366 Tagen beantragen.

Erste Verhandlungen seit 1961

Im Vorfeld der Verhandlungen reisten US-Senatoren und -Abgeordnete nach Havanna und trafen sich mit Regierungsmitgliedern und der verbotenen Opposition. Heute starten die Gespräche zwischen einer Delegation unter Führung der Abteilungsleiterin im Auswärtigen Amt, Roberta Jacobson, in Havanna. Nebst der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen stehen auch Themen wie Migration, die Marinebasis Guantánamo und Entschädigung für Enteignungen nach der Revolution 1959 auf dem zweitägigen Programm. Vor ihrem Rückflug nach Washington am Freitag will sich die Delegation ebenfalls mit der Opposition treffen. Mit dabei sein dürften auch systemkritische Blogger und Journalisten, die für Meinungs- und Pressefreiheit kämpfen. Sie stellen klare Forderungen, wie unter anderem die Freilassung aller politischer Gefangenen, die Anerkennung der kubanischen Zivilbevölkerung innerhalb und ausserhalb Kubas und das Ende der politischen Unterdrückung. So hat Kuba noch einen langen Weg vor sich. Einen Weg, der wohl mehr Zeit kostet, als Angel für das Bauen seines Hauses braucht. Weiss soll es werden, weiss wie die Hoffnung. *Name geändert

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch