Zum Hauptinhalt springen

Küssen für das Weltkulturerbe

Das Wallis hat den Umgang mit der Lawinengefahr. Wir haben das Albanifest. Es steht nun auf der Liste der 167 lebendigen Traditionen der Schweiz, zwischen Gesundbeten und Weidlingsfahren.

Bisher ist das Albanifest einfach das Albanifest gewesen, eine grosse Party in der Stadt mit ganz vielen Attraktionen. Die Menschen sind hier Calypso, Tschu-Tschu-Bahn oder Riesenrad gefahren, sie haben Bier und Mineral getrunken, dazu gab es Füürwehrspiesse XXL, Tsatziki und Curry mit Lamm, dies auch in Vegi. Und manche Menschen verliebten sich am Albanifest, das gehört zu einem solchen Fest der Begegnung. Man nannte das Tätigkeitswort dazu: küssen. Das war bis gestern so. Ab heute steht das Albanifest auf der Liste der 167 lebendigen Traditionen der Schweiz. Essen, Trinken, Bähnlifahren und Küssen sind jetzt neu: eine «gesellschaftliche Praktik», also quasi amtlich bewilligt. Leben Sie Traditionen! Das Bundesamt für Kultur hat dieses Verzeichnis erstellen lassen, aus 384 Vorschlägen kristallisierte sich auf Vorschläge der Kantone das Abc der lebendigen Schweiz heraus. Die Liste beginnt mit der Aarauer Bachfischet (AG) und der Alpenverlosung (OW), sie endet mit dem Zibelemärit (BE), der Zahl 11 in Solothurn und der Zweisprachigkeit in Biel/Bienne. Dazwischen finden sich viele andere schöne Tätigkeitswörter: Basler Fasnacht, Bauerngärten in Osterfingen, Escalade (GE), Hürna und Mazza Cula (GR), Rabadan (TI), das Gesundbeten (FR, JU, VS) – oder auch das Schwimmen im Rhein. «Leben Sie Ihre Traditionen!», fordert das Bundesamt für Kultur auf. Denn das Kulturerbe umfasst mehr als nur Museen und Objekte – Wissen, Praktiken, Bräuche gehören auch dazu. «Theater, Tanz und Musik, Handwerk, Rituale und Feste, Wissen im Umgang mit der Natur – all dies kann als lebendige Traditionen bezeichnet werden» – wie notabene auch der Umgang mit Lawinen im Wallis. Überall ist ein bisschen Imagepflege für die Schweiz dabei. Denn es heisst, die Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz bilde die Grundlage und Voraussetzung für Nominierungen von lebendigen Traditionen für die Unesco-Listen des immateriellen Kulturerbes. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Bähnlifahren et cetera am Albanifest einmal Weltkulturerbe sein wird – Küssen gehört jetzt zum Nominationsverfahren. Bis anhin hat Winterthur Tourismus die Sache mit der Lust an der Tradition ein bisschen anders gesehen. Auf dieser lokalen Liste stehen Chocolatier Confiseur Vollenweider, Drechslerei Franz Nägele, Seilerei Kislig. Nun kann die Stadt also offiziell mit dem Albanifest schweizweit angeben – in der digitalen Bibliothek des immateriellen Kulturerbes wird diese gesellschaftliche Praktik neben den geschichtlichen Hintergründen genau geschildert. «Circa hundert Vereine und Clubs betreiben Festwirtschaften, es spielen zahlreiche Musikbands und Orchester», steht da auf www.lebendige-traditionen.ch. Und: «Das Festkomitee ist dar­auf angewiesen, dass sich auch in Zukunft in den Vereinen freiwillige Helferinnen und Helfer finden, die mit ihren Festwirtschaften Begegnungen ermöglichen.» In diesem Sinn ist das Albanifest für den Rest der Schweiz fast lehrbuchmässig organisiert: «Lebendige Traditionen bedürfen immer der direkten Vermittlung und des Austauschs zwischen den Generationen.» «Erinnern und zelebrieren», «Sommer», «Tauschen und teilen», das sind die Schlagwörter des Bundesamts für Kultur für das Albanifest. Aufgeführt werden auch seine nächsten Verwandten: Basler Herbstmesse, Bénichon-Chilbi, Martinimarkt und Jahrmarkt zu Ehren von San Provino. Als Kontakt zum Albanifest wird auf der Liste noch Beat Blaser, der ehemalige Präsident des Komitees, angegeben. Aber hat nicht schon Mani Matter in Sachen Weitergabe, die Veränderungen einschliesst, gesungen: «Was unsere Väter schufen, war, da sie es schufen neu. Bleiben wir später den Vätern treu, schaffen wir neu.» Das tönt wie das Ziel der Unesco-Konvention – sie müsste nur auch auf die Adresse des Albanifests angewandt werden. Mit Fondue und Blasmusik Das Albanifest ist für Winterthur natürlich nicht die einzige lebendige Tradition. Zum ZH-Umfeld gehören das Alphorn- und Büchelspiel, die Blasmusik und das Eidgenössische Feldschiessen, dann Fondue, Grafik-Design und Typografie, auch Jassen, Knabenschiessen, Räbeliechtli-Umzüge – nicht zu vergessen Schwingen und Sechseläuten, neben Trockenmauern bauen, Volkstanz, Weidlingsfahren. Diese Traditionen werden in Zukunft amtlich belebt. Wenn sich Menschen am nächsten Albanifest verlieben, ist das schon ein kultureller Akt. www.lebendige-traditionen.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch