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Kunst findet jetzt in der Industrie statt

Es muss nicht immer ein Museum oder eine Bühne sein: Kunst kann man auch an artistisch weniger etablierten Orten geniessen. Zum Beispiel im alten Schaltaggebäude. Am letzten Freitag begann dort mit einer Vernissage die erste Ausstellung.

Es könnte ein öder Ort sein, diese leere, grosse Halle, keine zwei Minuten vom Bahnhof Effretikon entfernt, mit ihrem groben Boden, der nach jahrelanger industrieller Tätigkeit eine ungleichmässige, aber immer dreckige Farbe angenommen hat. Grau auf Grau. In den letzten hundert Jahren wurden hier einmal Werkzeuge für die Landwirtschaft hergestellt, dann Messegeräte, später Teile von Textilmaschinen. Auf Ende 2013 wurde die Produktion eingestellt, die Maschinen entfernt. Doch es kam anders. Die neuen Besitzer des Gebäudes planen langjährig und möchten die Räumlichkeiten in der Zwischenzeit möglichst inspirierend nutzen, vielleicht eine Oase der Kunst etablieren. Die erste Ausstellung begann am letzten Freitag mit einer Vernissage.

Der Raum gehört dazu

?Drei höchst unterschiedliche Künstler hat Kuratorin Eva Pauli dafür nach Effretikon geholt. Und dabei ein glückliches Händchen bewiesen. Zur Eröffnung der Ausstellung kamen weit über hundert Besucher. Die rein räumlich grössten Werke stammen von Andrea Wolfensberger. Wolfensberger zeigt drei Wellkartonskulpturen, die aus visualisierten Schallwellen bestehen. Es sind riesige Gebilde, bis zu zwölf Meter lang, die gesprochene Worte räumlich werden lassen. Ein „Ja“ und ein „Nein“, etwa, die sich überlagern. Oder einen Bruchteil aus einem Niesen aus einem Gedicht des Dadaisten Kurt Schwitters. Es ist Sprache, die plastisch wird, Form annimmt, zum Anfassen quasi. Eine zusätzliche Dimension kommt in Effretikon durch das Gebäude selbst hinzu. Nicht nur verfügt die Halle über viele Fensterfronten, sie bietet auch Oberlichter. Dadurch wird das Tageslicht zum Teil der Beleuchtung. Überhaupt, das Gebäude war für die Künstler aus ihren Überlegungen beim Konzipieren der Ausstellung nicht wegzudenken. Wolfensberger zum Beispiel wollte ihre Werke zuerst parallel zu den Wänden platzieren. „Das hat aber nicht funktioniert“, erklärte sie an der Vernissage. Jetzt stehen sie diagonal im Raum, brechen dadurch seine starre Geradlinigkeit und verleihen dem vermeintlich langweiligen Ort eine gewisse Spannung.

Visuelle Spurensuche?

Noch stärker mit dem Raum befasst hat sich Andreas Hofer. Er hat Werke spezifisch für diese Ausstellung geschaffen. „Mich hat dieser Raum selbst fasziniert. Und ich fragte mich: Wie kann ich verbinden, was mich interessiert?“, so Hofer. Eines seiner Stücke, eine Bildschirmarbeit, zeigt ihn zum Beispiel, wie er die Halle abschreitet, an Stellen verharrt, wo die Lichtsituation sich ändert. Wie er die Räumlichkeiten begeht, erfährt, herausfindet, was überhaupt da ist. Hofer hat sich auch mit der Industrie auseinandergesetzt. In einer Art visuell dargestellten Spurensuche beschäftigt er sich mit dem, was übrig blieb nach Jahren der Produktion, mit Rohren, mit Schildern, Steckdosen. Unter einer alten Leitung liegt ein Monitor, wieder und wieder scheint es in hinein zu tropfen. Auf einem anderen Bildschirm sieht man nicht den Tropfen, sondern die Schallwellen, die das Tropfgeräusch verursacht.

Die Form des Eisens

?Ebenfalls Relikte aus einer anderen Zeit sind die Werke von Heinz Niederer. 30 Jahre lang hatte er die Eisenplastiken eingelagert, bevor er sie jetzt der Öffentlichkeit zugänglich machte. Es sind Gebilde, die beim Schmiedeprozess bei einem Druck von über 2000 Tonnen entstanden. „Ich habe diese Stücke nicht geformt. Sie haben ihre eigene Form, die Form des Eisens“, erklärt Niederer. Er hält es mit Paul Klee: „Kunst ist nicht Abbildung, Kunst ist sichtbar machen“, so Niederer. Es funktioniert: vor dem schrägplatzierten Längsbalken, auf dem die Werke liegen, wird das Horizontale des Raums, die Heizungsrohre, das Licht, die Gleise im Hintergrund plötzlich umso deutlicher.?Das bestätigte auch das Publikum: „Die Arbeiten haben etwas Stimmiges, sie passen auch von der Grösse. Fast wirkt es, als wären sie für dieses Gebäude gemacht worden.“Die Ausstellung im alten Schaltaggebäude läuft noch bis zum 28. Februar. Von Mittwoch bis Donnerstag von 15-19 Uhr, am Wochenende von 14-17 Uhr.

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