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Kunst, Krach und Kinosessel

Im Hostel Depot 195 können Touristen ab dem 1. Mai günstig und zen­trumsnah übernachten – vorausgesetzt, sie mögen lokale Kunst, geschichtsträchtige Möbel und haben kein Ohr für Gleisarbeiten.

17.59 Der regnerische Abend lädt nicht dazu ein, den Weg vom Bahnhof zum neuen Hostel am Lagerplatz zu Fuss zu gehen. Doch selbst mit dem Rollkoffer an der Hand sollte der Weg zum Backpacker-Hotel im ehemaligen Sulzer-Areal zu bewältigen sein. Dazu braucht man nur den Gleisen Richtung Töss zu folgen und beim Café Portier abzubiegen. Auf der Wegbeschreibung der Hostelhomepage dauert dieser Spaziergang gerade mal fünf Minuten. Gepäck und Orientierungslosigkeit nicht eingerechnet. Ein Wegweiser würde die Suche verkürzen. 18.08 Nach knapp zehn Minuten ist das Ziel erreicht. Dort tummeln sich bereits Dutzende Besucher im Festzelt vor dem alten Backsteingebäude. Die meisten von ihnen sind als Aktionäre am Hostel beteiligt. Sie wollen an diesem Samstagabend die frisch eingerichteten Zimmer begutachten – und können diese Nacht bereits im Backpacker schlafen. Trotzdem werden alle, die mit Gepäck anreisen, ungläubig angeschaut und mit staunendem Unterton gefragt, ob sie tatsächlich hier übernachten. An das Staunen in den Gesichtern hat sich Geschäftsführer Alexander Ulrich bereits gewöhnt. Er begrüsst die Gäste an der Rezeption mit einem Lächeln und einer Anekdote. «Die Bedienung in der Bahnhofapotheke hat mich gefragt, ob ich derjenige bin, der im Sulzer-Hochhaus eine Jugendherberge aufmacht. Natürlich habe ich mit ‹Ja› geantwortet», sagt Ulrich. «Habe aber erklärt, dass das Hostel nicht im Hochhaus, sondern beim Lagerhausplatz ist.» Obwohl Ulrich einer der vier Mitarbeiter ist, die künftig täglich im Backpacker arbeiten werden, kennt er das Kassensystem noch nicht. «Die Schlüsselausgabe macht momentan nur einer», sagt Ulrich. Und sucht seinen Arbeitskollegen David Berger. 19.02 Mitarbeiter und Gemeinderat David Berger (AL) denkt aber nicht daran, jetzt schon die Schlüssel für die Zimmer zu vergeben: «Erst müsst ihr eins nach eurem Geschmack auswählen.» Kurzerhand wird das Gepäck in einem separaten Raum eingeschlossen und es wird erklärt, wo welche Zimmer sind. Im 1. Stock befinden sich die Gruppenzimmer mit vier bis acht Betten, Etagen- duschen und öffentlichen Toiletten. Im 2. Stock gibt es Doppel- und Familienzimmer mit einer eigenen Dusche und Toilette. Während die Mehrbettzimmer funktional eingerichtet sind, ist jedes Zimmer im 2. Stock individuell gestaltet worden. «Lokale Künstler konnten sich ausleben», sagt Berger. «Die einzige Vorgabe war, dass die Kunst etwas mit Winterthur und seiner Geschichte als Industriestadt zu tun haben muss.» 19.53 Nicht nur Künstler haben den Räumen ihren Stempel aufgedrückt. Auch die Initianten haben eigene Möbelstücke in die Zimmer gestellt. Eines dieser Stücke sind zwei Kinosessel, die die letzten Jahre bei Berger zu Hause standen. «Bei mir haben die Stühle als Liegefläche für meine Katze gedient», sagt Berger. Seit diese aber nicht mehr am Leben sei, habe das Stück seinen Zweck verloren. «Ich bin froh, haben die Kinosessel hier einen Platz gefunden.» 21.45 Immer mehr Nachtschwärmer besuchen das Einweihungsfest des Hostels und bringen die Betreiber in «Biernot». Nur ein unter der Bar versteckter Bierkasten rettet die Angestellten vor den trinkfreudigen Gästen, die sowohl die Bar als auch die Selbstversorgerküche des Backpackers füllen. Der Regen hält viele Besucher davon ab, den Platz auf der Veranda auszunutzen. Nur die Raucher stehen unter dem Zeltdach, das extra für das Fest und die Musikbands aufgestellt wurde. 23.05 Mit leicht schwankendem Gang begeben sich die ersten Übernachtungsgäste in ihre Zimmer. Nur acht bleiben über Nacht. Die meisten haben in einem der individuell eingerichteten Doppel- oder Familienzimmer übernachtet. Für eine Nacht zu zweit in einem Doppelzimmer bezahlen die Gäste knapp 130 Franken. Diese besitzen ein eigenes Bad – in einen Holzkubus eingebaut. Die Türen der Bäder haben keine Türfallen, sondern ein Loch, durch das ein Tennisball hindurchpassen würde. Und durch das man ins Bad sehen kann. Wenn man denn will. 08.00 Wer in dieser ersten Nacht mit offenen Fenstern im Hostel schläft, bekommt aber nicht viel Ruhe. Genau an diesem Wochenende führen die SBB ganz in der Nähe Gleisarbeiten durch, welche die Gäste immer wieder mit Alarmsignalen aus dem Schlaf reissen. Der Krach ist so laut, dass die aus dem Handy der Zimmergenossen dröhnende Weckmusik «I’ve Been Looking for Freedom» von David Hasselhoff am nächsten Morgen wie ein sanftes Schlaflied klingt. 09.10 Die Übernachtungsgäste erzählen den neugierigen Hostelgründern bei Kaffee und Gipfeli ihre ersten Erfahrungen. Die einen fanden die Matratzen zu hart, die anderen schliefen wie auf Wolken. Einer findet, dass die Gruppenzimmer aussehen würden wie in einem Gefängnis. Andere dagegen schätzen den schlichten Industriecharme sehr. Nur in einem Punkt sind sich alle Gäste einig: Das Hostel Depot 195 füllt eine grosse Lücke im hiesigen Hotelleriemarkt endlich aus.

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