Gerichtsurteil

Landesverweis nach Messerstich

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilt einen Somalier zu acht Jahren Haft und 15 Jahren Landesverweis. Er hatte einen Landsmann mit einem Messer gestochen.

Der Täter stach dem Opfer von hinten in den Rücken – ohne jegliches Motiv.

Der Täter stach dem Opfer von hinten in den Rücken – ohne jegliches Motiv. Bild: pixabay

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Der junge verheiratete Somalier nahm am frühen Sonntagmorgen in der Küche einer Asylunterkunft ein circa zwölf Zentimeter langes Messer aus der Besteckschublade und stach damit in den Rücken eines Landsmannes.

Die Klinge drang bis zum Anschlag in den Körper ein, durchstach das Schulterblatt und verletzte den Lungenflügel. Nur dank viel Glück und ärztlicher Hilfe überlebte der 22-Jährige Asylsuchende den Vorfall im Januar 2017.

«Ich wollte ihn nicht verletzen, es tut mir leid.»Täter

Wie es zu diesem fatalen Messerstich kommen konnte, blieb auch nach der eintägigen Verhandlung am Bezirksgericht völlig rätselhaft. Von einem gröberen Zerwürfnis zwischen den beiden sprach niemand. Vielmehr sagten Täter und Opfer, dass sie im Grunde keine Probleme miteinander gehabt hätten.

«Er war ein Freund», sagte der 22-Jährige Täter via eine Übersetzerin. Er und sein amtlicher Verteidiger stellten sich denn auch auf den Standpunkt, dass alles ein Unfall gewesen war.

Alles nur ein Unfall?

Der Angeklagte schilderte den Vorfall so: Sein «Freund» habe gerade Geschirr abgewaschen und sich über das Spülbecken gebeugt, als er ihn mit einem Messer bedrohen oder erschrecken wollte.

Mit einer Messer-Attrappe stellte er vor Gericht die Situation nach: Der eher schmächtige junge Mann stand demnach schräg hinter dem Opfer, das Messer mit der Klinge nach unten in der linken Faust. Da habe ein anderer Anwesender in der Küche geschrien: «Der hat ein Messer!»

Da habe sich der Abwaschende erschrocken aufgerichtet und sei direkt in die Klinge geraten. «Ich wollte ihn nicht verletzen, es tut mir leid.» Es sei alles sehr schnell gegangen. «Ich war betrunken.»

Eine Gerichtsmedizinerin, die vor Gericht ebenfalls befragt wurde, hielt diese Version für unglaubwürdig. Der Einstichwinkel passe nicht zur Schilderung des Täters. Die Aussage des Geschädigten, dass er einen starken Schlag in den Rücken gespürt habe, sei hingegen plausibel. «Messerstiche werden häufig so beschrieben.»

Die Polizei war in der Nähe

Der junge Somalier hat sich vom Messerstich bis heute nicht erholt, wie vor Gericht deutlich wurde. Er fasste sich mehrmals an die Seite und klagte über Atemprobleme und Schmerzen. «Ich habe Angst, dass ich kein normales Leben mehr führen kann», sagte er.

«Ich habe aus meinem Zimmer gehört, wie er sagte, dass er mich verletzen will. Deshalb habe ich die Polizei gerufen»Opfer

Der Asylsuchende fühlte sich in jener Nacht schon vor dem Messerstich bedroht. «Ich habe aus meinem Zimmer gehört, wie er sagte, dass er mich verletzen will.» Erklären konnte er sich diese Drohung zwar nicht. «Meint der wirklich mich?» Dennoch alarmierte er schliesslich die Polizei.

Erst als er die Polizisten draussen gesehen habe, wagte er sich zurück in die Küche. «Ich dachte, sie kommen rasch hinein und ich bin in Sicherheit.» Zudem sei es in der Küche ruhig gewesen. Eine Fehleinschätzung. Denn wenig später rannte er mit Atemproblemen und einem Messer im Rücken zu den Polizisten.

Tod in Kauf genommen

Der Täter, der in Handschellen ins Gericht geführt wurde und seit der Tat in Haft ist, nahm das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur am Mittwoch ohne jegliche Regung zur Kenntnis. Das Gericht sprach ihn der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Jahren.

Hinzu kommt ein Landesverweis von 15 Jahren, der für den ganzen Schengenraum gilt. Darüber hinaus werden dem Täter die Gerichtskosten auferlegt und er muss – sofern er den könnte – dem Opfer 25 000 Franken Genugtuung zahlen.

Wird keine Berufung eingelegt, muss der Somalier seine Gefängnisstrafe in der Schweiz verbüssen. Erst danach gilt der 15-jährige Landesverweis.

Das Bezirksgericht glaubte nicht, dass die Tat ein Unfall gewesen sein soll. Das sei ausgeschlossen, sagte der Richter. «Sie standen hinter dem Opfer und haben aktiv von oben herab in den Rücken gestochen.»

Einzig diese Version stimme mit dem vorgefundenen Stichkanal überein. Ob es vorher schon Drohungen gegeben habe, sei nicht relevant. Das gelte auch für das Motiv, das unklar sei. Denn an der Tat selber ändere das alles nichts. «Wer mit einem Messer in den Oberkörper sticht, muss damit rechnen, dass ein Mensch daran sterben kann.»

Eine zwei Jahre längere Haftstrafe wäre laut Richter auch möglich gewesen. Mildernd wirkte sich aus, dass die Tat nicht geplant gewesen und der Täter alkoholisiert war.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.06.2018, 12:43 Uhr

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