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Leben auf dem Campingplatz - Zwang oder Idylle?

Dauermieter gibt es auf fast jedem Schweizer Campingplatz. Die einen zieht ausgerechnet der Ruf der Freiheit in die engen Wohnwagen, andere können sich eine Wohnung schlicht nicht leisten.

Ein Winterabend bricht auf dem Campingplatz im Zürcher Oberland an. In ihrem Wohnwagen ­haben es sich Dieter und Manuela gemütlich gemacht. Draussen schleichen Dunkelheit und Kälte um die dünnen Wände. Drinnen beschlagen die Fenster. Es gibt Kaffee aus dem Espressokocher und Kekse. Der Nachbar ist zu Besuch und zwängt sich am Ecktisch vorbei auf sein Plätzchen. Der Wohnwagen ist Manuelas und Dieters Stube und Bad, ein zweiter Wagen dient ihnen als Schlafzimmer. Alle drei am Tisch leben auf dem Campingplatz, wohnen offiziell aber anderswo.

«Statistisch Touristen»

Dieter ist Deutscher, er hat seinen Wohnsitz seit einigen Jahren in Hombrechtikon, wo er sich eine Wohnung mit einem Arbeitskollegen teilt. Aber mehr als eine Anschrift ist dieses Zuhause für ihn nicht. «Eigentlich bin ich immer auf dem Campingplatz. Ich geniesse die Freiheit und die Ruhe.» Sein Arbeitsplatz in Wetzikon sei vom Campingplatz aus ohnehin schneller zu erreichen. «Und in einer Wohnung fühle ich mich wie erdrückt. Deshalb habe ich vor fünf Jahren gesagt: ’Ich lebe im Wohnwagen.’»Lange lebte Dieter allein hier, vor einem halben Jahr kam seine Partnerin Manuela dazu. Sie hat ihren Wohnsitz noch in Deutschland – bevor sie sich in der Schweiz niederlassen darf, braucht sie eine Arbeitsstelle. Dieter hat einen Sohn, der bei seiner Mutter in Deutschland lebt, aber ab und zu auf den Campingplatz zu Besuch kommt.In Deutschland gibt es Anlagen, auf denen die Mehrheit der Gäste Dauermieter sind. In der Schweiz gebe es keine genauen Zahlen, erklärt Teddy Seiler, der zusammen mit seiner Frau Lulu den Campingplatz in Wildberg führt. «Dauergäste sind statistisch gesehen Touristen und nicht separat ausgewiesen.» Es gebe aber auf nahezu allen Schweizer Plätzen ständige Bewohner, sagen andere Platzwarte auf Anfrage.

Kein offizieller Wohnsitz

Auch in Wildberg trifft das zu, obwohl die Gemeinde nicht erlaubt, dass Dauermieter auf dem Campingplatz sich offiziell bei ihr anmelden. «Der Gestaltungsplan für die Nutzung des Areals sieht vor, dass nur der Eigentümer des Campingplatzes dort Wohnsitz nehmen darf», sagt Gemeindeschreiber Peter Ringer. «Die Gäste dagegen müssen über einen festen Wohnsitz andernorts verfügen, um auf dem Areal zu wohnen. Es ist dieselbe Regelung, wie sie für Ferienwohnungen gilt.»Wäre es anders, müsste die Gemeinde Wildberg laut Ringer auch die Infrastruktur für ihre Steuerzahler auf dem Campingplatz bereitstellen und unterhalten. «Für ein Dorf mit 1000 Einwohnern könnte das den finanziellen Rahmen sprengen.» Er wisse aber von grösseren Plätzen, auf denen die Wohnsitznahme erlaubt sei. In Winterthur leben rund 60 Dauermieter offiziell auf dem Campingplatz Schützenweiher. Vor zwei Jahren begleitete das Schweizer Fernsehen sie durch den Winter in ihrer scheinbaren Idylle am Rande der Gesellschaft.

Mitte 50 und ausgesteuert

Dieter schaut über den Rand seiner Kaffeekanne. In keinem der beiden Wohnwagen gibt es fliessend Wasser. Er schleppt deshalb Kanister mit 20 Litern vom Hauptgebäude zum Wagen. «Vor zwei Jahren waren es im Februar minus 25 Grad», erzählt er. «Das war schon hart, aber man kommt durch. Ich war auch seit Jahren nie mehr krank.» Man lerne hier, die Ener­gie­ zu schätzen. In einem Haus fliesse sie einfach weg, ohne dass man dar­über nachdenke. «Im Wohnwagen merkt man, wie wertvoll Strom zum Heizen oder auch Wasser ist.»Dieter spricht viel vom Freiheitsgefühl, das ihn auf dem Campingplatz erfüllt. Dar­um gehe es. «Ich denke, das ist auch bei den anderen so.» Sein Nachbar schüttelt den Kopf, sagt, als ob er zur Kaffeetasse sprechen würde: «Die denken, ich bin Millionär.» Tatsächlich sei er Mitte 50 und ausgesteuert, beziehe aber kein Geld vom Staat. Die Miete in einer Wohnung könne er sich nicht leisten. Auf dem Campingplatz bezahlt er etwa 500 Franken monatlich, Nebenkosten inbegriffen. Seinen Wagen hat der Dauermieter im letzten Herbst winterfest ausgebaut: Ein stattlicher Holzvorbau nach den Vorgaben des Gestaltungsplans erweitert nun seinen Wohnraum.

Günstiger als eine WG

Auf dem Campingplatz in Saland in der Gemeinde Bauma bleiben mehrere Standplätze das ganze Jahr über bewohnt. «Obwohl das die Gemeinde nicht gerne sieht», wie Gastgeberin Ursula Maurer sagt. Jahrelang habe die Gemeinde es strikt untersagt, dass Bewohner des Campingplatzes gleichzeitig ihren Wohnsitz in Bauma registrierten. «Zuletzt wurden die Bestimmungen gelockert. Seitdem erlauben wir unseren Gästen, hier zu wohnen, sofern die Gemeinde sie aufnimmt.»Auf dem Areal in Saland wohnen Wochenaufenthalter und saisonal angestellte Arbeitskräfte aus dem Ausland, aber auch zwei oder drei Bezüger von Sozialhilfe. Mit Romantik oder Freiheitsgefühl habe diese Wohnform nichts zu tun. «Niemand, der hier wohnt, ist ganz freiwillig hier», sagt Maurer. Im Sommer möge das Leben auf dem Campingplatz ja noch schön sein, aber im Winter sei jeder froh, wenn er eine Wohnung habe. In Saland ist die Dauermiete einer Parzelle für eine Person ab 430 Franken monatlich möglich – Strom und Wasser inklusive. «Dafür bekommt man heute oft nicht mal mehr ein Zimmer in einer WG.» Wo er in fünf Jahren wohnen wird, will Dieter nicht voraus­sagen. «Ich hatte früher ein Haus und war damit auch zufrieden. Aber das Leben verändert sich.» Die nächste Veränderung in seiner Stube ist bereits in Planung. Seinem Sohn würden die Aufenthalte auf dem Campingplatz gefallen, aber er dränge auf die Anschaffung einer Playstation.

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