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Lebensrettende Schwesternliebe

Der Befund war niederschmetternd. Wegen einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm gaben die Ärzte Kinza Sigrist noch ein halbes Jahr zu leben. Doch alles kam anders.

Dass Kinza Sigrist (25) noch am Leben ist, grenzt an ein Wunder. Noch kein Jahr ist es her, seit sie die Rehaklinik nach einer riskanten Operation verlassen konnte. Acht Monate zuvor hatte eine Ultraschalluntersuchung zutage gebracht, war­um sie seit Längerem an Bauchschmerzen litt. Lebertumor im Endstadium, hatte die folgenschwere Diagnose gelautet. Die Ärzte vom Universitätsspital Zürich gaben ihr noch zwei bis sechs Monate zu leben. Den Tumor verursacht hatte ein Fuchsbandwurm, mit dem sich die junge Frau vermutlich schon in ihrer Kindheit infiziert hatte. Neben der Leber war auch eine Hohlvene, Teile des Zwerchfells und des rechten Herzvorhofs von dem Parasiten befallen. Es sah nicht gut aus für die junge Frau. Trotzdem verlor sie den Mut nicht. Auf der Suche nach einem geeigneten Spender testete man als erstes Nina Germann, ihre Schwester. Es war ein Volltreffer. Die Blutwerte stimmten so gut überein, dass sie als Spenderin in Frage kam. Und sie erklärte sich bereit, einen Teil ihrer Leber zu spenden. Angst vor der Transplantation hatten die beiden Schwestern nicht. Sie seien von Beginn an optimistisch gewesen und hätten auch des Öfteren Witze über die Krankheit gemacht, sagt Kinza Sigrist. «Die Ärzte sagten uns dann, dass wir die ganze Sache doch etwas ernster nehmen sollten.» Neben dem Humor habe ihnen vor allem der Glaube an Gott geholfen. Bis auf die Knochen abgemagert Während einer elfstündigen Operation ersetzten die Ärzte alle vom Tumor betroffenen Stellen mit Spendegewebe. Nach dem schwerwiegenden Eingriff lag die Patientin vier Wochen im künstlichen Koma. Nach der Intensivstation folgte ein Aufenthalt in der Rehaklinik Schloss Mammern am Bodensee. Kinza Sigrist muss neben vielem anderen das Schlucken und Gehen wieder lernen. «Ich war völlig abgemagert und meine Muskeln hatten sich durch das lange Liegen zurückgebildet», erinnert sie sich. Ehemann Damian Sigrist besuchte sie täglich in der Klinik. «Mein Arbeitgeber hatte mich für diesen Zeitraum freigestellt, damit ich Kinza jeden Tag sehen konnte», sagt er. An Silvester 2012 war es dann so weit, und Kinza Sigrist konnte die Reha verlassen. «Hätten sie mich nicht gehen lassen, wäre ich ausgebrochen», sagt sie und lacht. Es seien ganz banale Dinge gewesen, die sie vermisste, «zum Beispiel in den Supermarkt zu fahren oder alleine zum Kühlschrank zu gehen». Wieder zu Hause, wurde ihr bewusst, dass sie noch immer stark geschwächt war. Zu diesem Zeitpunkt wog sie gerade noch 42 Kilogramm. «Die Zeit nach der Reha verbrachte ich damit, das nachzuholen, was mir vorher nicht möglich war», sagt sie. Die junge Frau besuchte ihre Freunde und genoss es, wieder unter ihren Lieben zu sein. Ausserdem habe sie viel geschlafen, manchmal bis zu 15 Stunden. Sie erholte sich allmählich von den Strapazen der Operation, und von Woche zu Woche ging es ihr besser. Heute hat sie wieder ihr Normalgewicht, und vom Eingriff zeugen nur noch die Narben an ihrem Körper. Erstaunlich auch, dass die junge Frau keinerlei Medikamente gegen die Abstossung des fremden Organs nehmen muss. Die Blutuntersuchungen zeigten eine ungewöhnliche Übereinstimmung des Blutes der beiden Schwestern, sodass ein Leben ohne Immunsuppressiva möglich ist. Wenn Kinza Sigrist auf die leidvolle Zeit zurückblickt, sind es nicht die traurigen Momente, an die sie sich erinnert. Sie habe während dieser Zeit sehr viel über das Leben gelernt, so zum Beispiel auch im Schlimmsten das Positive zu sehen, sagt sie. «Und ich bin erwachsen geworden.» Ihr Glaube an Gott habe sich noch verstärkt. In ihrem Beruf als Krankenschwester trifft sie auf Menschen, die mit einem ähnlichen Schicksal zu kämpfen haben. Kinza Sigrist begegnet immer wieder Patienten, die an Leberkrebs erkrankt sind. «Es freut mich, mit meiner Geschichte etwas Zuversicht schenken zu können», sagt sie. Tagebucheinträge «Was tut eine Mutter, wenn sie erfährt, dass das Leben ihrer Tochter von einem Fuchsbandwurm bedroht wird? Und wenn sie erfährt, dass ihre andere Tochter das Leben ihrer Schwester retten will?» Auf 120 Seiten hat die Mutter von Kinza Sigrist, Irene Hilpertshauser-Seydel, die aussergewöhnliche Geschichte ihrer Familie aufgezeichnet. Es sind sehr persönliche Zeilen, die sie während der Krankheit ihrer Tochter in ihrem Tagebuch niedergeschrieben und nun veröffentlicht hat. Das Buch «Der Wurm» kann über die Internetseite www.yeran.ch bestellt werden.

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