Winterthur

«Lehrer sollten klare Spielregeln festlegen, auch den Eltern gegenüber»

Wie sollen Eltern dem Phänomen «Radikalismus» begegnen? An einem Podium versuchten Experten aus Forschung, Strafvollzug und Jugendarbeit Antworten zu geben.

Das Internet ist ein Umfeld, in dem sich Jugendliche radikalisieren können.

Das Internet ist ein Umfeld, in dem sich Jugendliche radikalisieren können. Bild: Keystone

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«Radikalismus im Kinderzimmer». Man las den Titel und spielte gedanklich die Filmmusik von «Der Weisse Hai» ab. Dabei hatte lediglich die IG Elternräte zu einem Podiumsgespräch geladen. Der Titel mochte etwas zu schrill sein, die vom Winterthurer Extremismusbeauftragten moderierte Diskussion blieb danach aber angeregt-sachlich, und da auch die Eltern sich einbrachten, teilweise erfrischend konkret. Vier Fragen interessierten am meisten:

1. Wann ist mein Kind anfällig für Radikalismus? Gibt ein klassisches Profil?

Nein. Zu diesem Schluss war die ZHAW-Extremismusforscherin Miryam Eser bereits in ihrer Studie vor zwei Jahren gekommen. Die Biografien seien extrem heterogen, resümierte sie erneut. Die Jugendforensikerin Cornelia Bessler zählte drei häufige Umstände auf, unter denen sich Teenager so stark radikalisieren können, bis sie gewalttätig werden: Wenn sie psychisch anfällig oder angeschlagen sind, wenn sie mit Gewalt aufwachsen oder wenn sie ins falsche Milieu geraten. Doch, da schienen sich alle einig: Extreme Positionen gehören zur Jugend und ein gewisses schwarz-weiss Denken ebenso. «Jugendliche haben vor allem eine enormes Gerechtigkeitsempfinden», sagte Hans Fahrni, der aus über 40 Jahren Erfahrung als Jugendarbeiter und Lehrer im Mattenbachquartier sprach. Junge Muslime, meist religiöse Analphabeten, sähen sich und die muslimische Welt häufig von aussen bedroht und ungerecht behandelt. Entsprechend anfällig seien sie für einfache Botschaften und Lösungen. Über das Thema Gerechtigkeit habe man dann diskutiert – und sei meist zum Schluss gekommen: Es gibt sie nicht. Heikel und gefährlich werde es dann, so Fahrni, wenn ein Kind sozial und schulisch abgehängt werde und anfange, sich isolieren. «Dann muss man ganz gut aufpassen.»

2. Welche Rolle spielt das Internet?

Je nach dem, wie und wo man sich in den sozialen Medien präsentiert, eine grosse. Das Fake-Facebook-Profil, das Miryam Eser in ihrer Studie verwendete – eine verschleierte Muslima mit einer Koransure – bekam innert sechs Stunden 341 Freundschaftsfragen, häufig auch von militanten Islamisten in Kampfmontur. Bessler ergänzte, wer wolle, finde im Internet mit wenigen Klicks genaue Anleitungen, wie man in den Jihad ausreise, wo man wen kontaktieren müsse und so weiter.

3. Was also können die Eltern tun...

Eine gewisse Ohnmacht und Verunsicherung unter den Eltern war deutlich spürbar. Beim Smartphone und Computer haben die Kinder die Nase vorn. Wie also das richtige Mass an Kontrolle finden? «Ich persönlich stelle klare Regeln auf und ziehe rote Linien», sagte Bessler, die täglich mit straffälligen Teenagern zu tun hat. Für sie gebe es klare Tabus. Dass ihre eigenen Kinder illegale Pornografie oder Tötungs-Videos über Snapchat schauen, käme nicht infrage. Kontrollieren könne man das natürlich nur bedingt: «Aber man gibt den Kindern damit immerhin eine gewisse Orientierung. Und die Verantwortung liegt dann auch bei ihnen.»

4. ...und was die Behörden, Moscheevereine und Schulen?

«Die Lehrer sollten klare Spielregeln vorgeben und durchsetzen, auch den Eltern gegenüber», forderte eine Zuhörerin. Eine Dispens von Exkursionen aus religiösen Gründen sei schlicht nicht haltbar. Sie sprach dabei allerdings einen Fall von christlich-konservative Eltern an, die ihrem Kind den Moschee-Besuch mit der Klasse verboten. Zwingen, so Fahrni, könnten die Lehrer letztlich niemanden. «Im äussersten Fall melden sich die Kinder dann krank.» Es gebe keine Projekte mit Erfolgsgarantie. Auf Wunsch muslimischer Schüler habe man einmal während des Ramadan einen separaten Gebetsraum eingerichtet. Als teilweise über zwanzig Schüler dort beteten, stellte sich heraus, dass viele von drei Strenggläubigen dazu genötigt worden waren, die auch in der An’Nur-Moschee in Hegi verkehrten. «Ein andermal wiederum hat es gar keine Probleme gegeben», sagte Fahrni.

«Muslimische Jugendarbeiter machen oft gute Arbeit»

Allgemein, so der Konsens, biete die Schule ein ideales Umfeld, um Kontakte zu knüpfen und Vorurteile abzubauen, vor allem auch zwischen den Eltern. Um Vertrauen zu schaffen und an die muslimische Eltern heranzukommen, müsse man am besten schon in der Spielgruppe ansetzen. «Vor allem die Mütter sind extrem dankbar um Unterstützung und ihre Kinder von Anfang an in den geregelten Strukturen», erzählte eine Spielgruppenleiterin.

Eine gewisse Bringschuld hätten auch die Moscheevereine. «Doch die muslimischen Jugendarbeiter machen oft schon gute Arbeit und engagieren sich», anerkannte Fahrni.

Obwohl einmal mehr die Erkenntnis gewachsen war, dass es für komplexe Probleme keine Patentlösungen gibt, gingen die Gespräche danach beim Apéro weiter. Viele Eltern schienen froh, zumindest ein paar neue Einblicke erhalten zu haben. Was leider fehlte waren Statements und Perspektiven muslimischer Eltern.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.11.2017, 18:33 Uhr

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