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Lehrmeister kritisieren Schulen trotzdem

Bern. Die Resultate der Pisa-Studie 2012 lassen Bildungspolitiker und Lehrer frohlocken. Die Lehrmeister und Wirtschaftsvertreter nehmen die Ergebnisse skeptischer auf. Zu viele Lehrtöchter und Lehrlinge könnten nur ungenügend schreiben, lesen und rechnen.

Sehr gut in Mathematik, gut in Naturwissenschaften und klare Fortschritte beim Lesen: Die Schweizer Schülerinnen und Schüler haben bei der Pisa-Studie im internationalen Vergleich mehr als zufriedenstellend abgeschnitten. Entsprechend gut war die Stimmung bei der Präsentation der Ergebnisse. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schultern. Christoph Eymann (BS), Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz, lobte die Arbeit der Lehrer. Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes, nahm das Lob dankend entgegen und fügte an: «Schön wäre es, wir würden so etwas auch einmal von Seiten der Wirtschaft hören.»

Tatsächlich haben sich Wirtschaftsvertreter zuletzt meist negativ über die Schulen geäussert. In ihren Augen können die angehenden Lehrlinge oft zu wenig gut lesen, schreiben und rechnen.

Jürg Zellweger, Leiter des Ressorts Bildung beim Arbeitgeberverband, relativiert diese Kritik allerdings, und das nicht nur wegen der guten Pisa-Werte. «Wir haben immer anerkannt, dass die Schule einen guten Leistungsausweis hat.» Tatsächlich gebe es aber viele Klagen von Lehrbetrieben. Zellweger sieht dafür zwei Hauptgründe: Erstens werde auf jeder Ausbildungsstufe die vorherige kri­tisiert. Seklehrer hätten auch oft das Gefühl, die Primarschule bereite die Kinder zu wenig gut auf die Oberstufe vor. «Zweitens gehen immer mehr gute Schülerinnen und Schüler ans Gymnasium. Den Lehrbetrieben bleibt dann oft nur das Mittelfeld.» Das sei gerade bei anspruchsvollen Berufen ein Problem. Als Beispiel nennt Zellweger die Polymechaniker. Und in weniger anspruchsvollen Berufen liessen sich häufig eher lernschwache Jugendliche ausbilden, die früher gar nicht erst eine Lehre gemacht hätten. Das ist alles nicht die Schuld der Grundschule, und trotzdem hat Zellweger ein wichtiges Anliegen an diese: Laut Pisa-Studie sei der Anteil derjenigen, die kaum lesen könnten, zwar von 16 auf 13 Prozent gesunken. «Aber das ist noch immer viel zu viel. Wer nicht lesen kann, hat weder in der Berufsschule noch im Arbeitsalltag eine Chance.»

Kritischer beurteilt Economiesuisse die Pisa-Ergebnisse. «In Mathematik fallen die Resultate gut aus», sagt Stefan Vannoni, beim Wirtschaftsdachverband zuständig für die Bildung. «Aber das muss auch unser Anspruch sein.» Schliesslich sei die Schweiz ein Hochlohnland und könne daher international nur bestehen, wenn herausragende, innovative Leistungen erbracht würden. Genau deshalb müsse die Schule bei den Naturwissenschaften noch zulegen. «Es reicht nicht, wenn wir knapp über dem OECD-Schnitt liegen.» Economiesuisse sieht aber vor allem auch beim Lehrplan 21 noch deutlichen Korrekturbedarf. «Den zukünftigen Fachkräften der Schweiz und dem Wohlstand ist nicht gedient, wenn die Schüler von heute ideologisch unterrichtet würden – kritische und helle Köpfe, die Pro und Contra sachlich abwägen, braucht die Schweiz.»

Schwieriger Übergang in Lehre

Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, wiederum macht eine Diskrepanz zwischen Pisa und dem, was er immer wieder von Lehrmeistern hört, aus. Es gehe aber so oder so nicht darum, die Schule zu kritisieren. «Vielmehr müssen Schule und Wirtschaft gemeinsam daran arbeiten, dass der Übergang ins Berufsleben möglichst gut klappt.» Bei der Ausgestaltung des Lehrplans 21 habe man diese Möglichkeit.

Auf den schwierigen Übergang von der Schule ins Berufsleben verweist auch Veronique ­Polito, die Verantwortliche für das Bildungswesen beim Schweize­rischen Gewerkschaftsbund. «Gerade schwächere Schülerinnen und Schüler müsste die Schule in dieser schwierigen Phase besser begleiten und unterstützen.»

Ansonsten funktionierten die Schulen in der Schweiz aber gut, wie nun auch die Pisa-Studie zeige. «Die Wirtschaft klagt auf hohem Niveau.» Das wirkliche Problem sei, dass der Arbeitsmarkt immer höhere Ansprüche stelle, nicht dass die Lehrlinge schlechter würden. «Die Wirtschaft muss daher bei sich selber auf Lösungssuche gehen, statt die Schulen zu kritisieren.»

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