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Leitartikel: Ein grotesker Stellvertreterkrieg

Thomas Münzel über den Streit um die Rechte von Homosexuellen in Frankreich.

Man schlägt den Sack und meint den Esel. Das, was man in den letzten Wochen und Monaten in Frankreich als monumentales und teils bizarres Kulturkampfspektakel in Sachen Homo-Ehe zu sehen bekam, könnte wohl durch diese sprichwörtliche Kurzanalyse kaum treffender zusammengefasst werden. Zwar gingen tatsächlich Hunderttausende, oft zutiefst besorgte – und nicht einfach nur homophobe – französische Bürgerinnen und Bürger auf die Strasse, um gegen die Legalisierung der Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren zu demonstrieren. Doch ihr Protest richtete sich bei genauerer Betrachtung nur vordergründig gegen die Homo-Ehe. Im Zen­trum der heterogenen Bewegung standen vielmehr die Ängste um einen weiteren Zerfall der «Normalfamilie». Unzählige Aussagen und Transparente («Vater, Mutter, Kind») machen deutlich: Die Homo-Ehe diente offenkundig vor allem als Projektionsfläche für grundsätzliche Veränderungen in der Gesellschaft.Dabei ist es völlig absurd, Schwule und Lesben für die steigenden Scheidungsraten oder die wachsende Zahl von Alleinerziehenden verantwortlich zu machen. Das riecht viel eher nach einer böswilligen Verdrehung von Ursache und Wirkung. Oder gibt es tatsächlich heterosexuelle Ehen, die nur deshalb in die Brüche gehen, weil Homosexuelle heiraten dürfen? Die am vergangenen Dienstag von der französischen Nationalversammlung verabschiedete Reform zur Einführung der Homo-Ehe betrifft eine Minderheit in der Gesellschaft – und auch bei den Homosexuellen selber. Aufgrund der Erfahrung in anderen europäischen Ländern kann man davon ausgehen, dass maximal 2 bis 5 Prozent der Ehen von homosexuellen Paaren geschlossen würden. Wer mag darin eine Gefahr erkennen? Die In­sti­tu­tion Ehe ist schon ziemlich lange beschädigt: Es waren Hetero-sexuelle, die das Ehebett verliessen, das Zusammensein neu definierten und in «offenen Beziehungen», in «Ehen ohne Trauschein», bewusst kinderlos oder in Patchworkfamilien zu leben begannen – und das alles lange bevor das erste homosexuelle Paar sich vor einem Standesamt küsste. Der weltweite Kampf um die rechtliche Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen erinnert hingegen vielmehr an die Gleichstellungsbemühungen von Mann und Frau. Wenn man sich beispielsweise in Erinnerung ruft, dass noch in den 60er-Jahren eine Mehrheit der Schweizer Männer der Ansicht war, dass sich das Stimm- und Wahlrecht der Frau nicht mit deren Mutterrolle vertrage und zur Zerstörung der Familie führe, dann spürt man auch hier wieder gut die Verlogenheit der Argumente. Denn vielen Männern ging es damals kaum um die Bedürfnisse und Rechte der Frauen, sondern vielmehr um die Verteidigung ihrer eigenen Machtposition und des gesellschaftlich anerkannten Rollenbildes. Gut, dass solche Stellvertreterkriege aufgrund des Wertewandels und des andauernden Kampfes gegen Diskriminierungen vielerorts ein Ablaufdatum haben – wie auch das Beispiel der «wilden Ehe» zeigt. Zwar wurden auch hierzulande noch während Jahrzehnten entsprechende «Verstösse gegen den Sitten­zerfall» mit bedingten Haftstrafen geahndet. Doch dann änderten sich in den 70er-Jahren die Moralvorstellungen radikal – und mit ihnen fiel ein Konkubinatsverbot nach dem andern. Das letzte – im Kanton Wallis – wurde allerdings erst 1996 abgeschafft. Was heute in Sachen Frauenstimmrechts- und Konkubinatsverbot nur noch Kopfschütteln auslöst, dürfte sich wohl – ­zumindest in den demokratischen Ländern – spätestens in zwanzig Jahren rückblickend ebenso in Bezug auf die Homo-Ehe zutragen. Wer wird dann noch verstehen können, war­um manche Menschen heute gegen die Verbindung von zwei sich liebenden Menschen auf die Barrikaden gehen konnten.

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