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Leitartikel: Martin Steinegger über Die Prima-Initiative und den Gegenvorschlag Die Grundstufe ist eine Reform zu viel

Wie keine andere Institution war die Zürcher Volksschule in den letzten Jahren Reformen und Experimenten unterworfen. Ob Hochdeutsch im Kindergarten, Frühenglisch in der Primarschule oder autonomes Lernen in der Oberstufe: Es gibt kaum etwas, an dem nicht «geschraubt» wurde. Die Prima-Initia­tive, über die das Zürcher Stimmvolk am 25. November abstimmen wird, reiht sich nahtlos ein in diese Entwicklung. Die Initiative fordert die Einführung der Grundstufe. Dabei sollen Kindergarten und 1. Primarklasse zusammengelegt werden. Hauptziel ist, den Übertritt vom Kindergarten in die Primarstufe für die Kinder einfacher und weniger belastend zu gestalten. Der Start in die Schulkarriere, so die Argumentation der Initianten, verlaufe heute oftmals zu rapide, der Einschnitt sei zu massiv, womit viele Kinder nicht zurecht­kämen. Die Grundstufe soll hier Abhilfe schaffen.

Aus pädagogischer Sicht klingt das hervorragend. Viele Bildungsexperten befürworten das Prinzip der Grundstufe. In den Schulgemeinden, welche das System in den letzten Jahren versuchsweise eingeführt haben, dominiert die Zufriedenheit. Alles super, ist man also versucht zu sagen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Zunächst ist die Grundstufe im Vergleich zum heutigen System sehr personal- und kostenintensiv. Sie erfordert eine Erhöhung des Lehrpersonals um den Faktor 1,5. Dies in einer Zeit, in der Lehrermangel herrscht. Bildungsdirektorin Regine Aeppli erklärte zudem unlängst, dass die Zahl von Lehrern und Pädagogen an den Schulen nicht mehr weiter anwachsen soll.

Im ganzen Kanton Zürich entstünden durch die Einführung der Grundstufe Mehrkosten in Höhe von rund 60 Millionen Franken. Das ist viel Geld für eine Reform, die zwar von Pädagogen gelobt wird, deren Nutzen sich aber nicht konkret messen lässt. Untersuchungen haben gezeigt, dass Grundstufenkinder keinen nennenswerten Bildungsvorsprung gegenüber Kindern haben, die auf herkömmlichem Weg eingeschult werden. Das sei auch nicht das Ziel, heisst es diesbezüglich von Seiten der Prima-Befürworter. Diese Argumentation ist verwirrend angesichts der Tatsache, dass unser Schulsystem ansonsten auf Leistung und Effektivität ausgerichtet ist.

Im Kindergarten gibt es, verglichen mit anderen Stufen der Volksschule, keine akuten Probleme. Es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb dieses erprobte und auf die Bedürfnisse der Kinder gut abgestimmte System abgeschafft und durch ein neues, teureres ersetzt werden soll, dessen Nutzen umstritten ist. In der Grundstufe sollen die Kinder lesen und schreiben lernen dürfen, sofern sie es denn wollen. Die Jüngeren sollen von den Älteren profitieren können. Um dies zu erreichen, ist aber keine derart umfangreiche Reform nötig. Der Kindergarten hat sich in den letzten Jahrzehnten behutsam weiterent- wickelt. Die Kinder dürfen zum Beispiel bereits heute lesen und schreiben, was früher untersagt war.

Der Kantonsrat hat zur Prima-Initiative einen Gegenvorschlag erarbeitet, der ebenfalls am 25. November an die Urne kommt. Gemäss diesem soll die Einführung der Grundstufe für die Schulen freiwillig sein: Die Kosten müssten sie aber grösstenteils selber tragen. Diese «Freiwilligkeit» ist problematisch. Sie würde dazu führen, dass vor allem Gemeinden die Grundstufe einführen, die sich dies auch leisten können. Strukturell schwächere Gemeinden hätten das Nachsehen. Bildungsfragen dürfen aber nicht auf diese Weise über Finanzen geregelt werden. Wenn man ein System wie die Grundstufe einführen will, dann bitte für alle – oder keinen. Es darf nicht sein, dass am Ende zahllose Gemeindeversammlungen über die Grundstufe streiten. Wer also Nein sagt zur Prima-Initiative, muss in der Konsequenz auch Nein sagen zum Gegenvorschlag.

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