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Letzte Ausfahrt Oerlikon

Paul Riniker dreht in Zürich seinen neuen Film. Er handelt von zwei Freunden, deren einem das Leben im Alter verleidet ist. Die Hauptrollen spielen Jörg Schneider, Mathias Gnädinger – und ein Hund.

Auffahrt, Förrlibuckstrasse, Zürich-West. Wolken und Sonne.Das Quartier döst. Ein Mann führt seinen Hund aus, eine Frau strampelt auf dem Fahrrad. Die Vögel zwitschern. Über das Viadukt donnert ein Zug, am Himmel ein Flieger. Einzig beim ersten Reihenhäuschen wird gearbeitet. «2.4.2. – Ton ab – Kamera läuft!» – Klappe – «Und: Action bitte!»

Auf einer Bank vor dem Haus Nummer 193, an einem Tisch mit lila geblümter Decke: Jörg Schneider. Im Korb daneben ein Hund. Ein paar Meter weiter, ­zwischen Stativen, Sandsäcken, Taschen und dem ganzen Karsumpel, der bei einem Filmdreh dazugehört, hockt Mathias Gnädinger in einem Klappliegestuhl.

Aufforderung zum Tanz

«Eine Woche mit zwei Sonntagen: Welch ein Glück!» sagt Filmproduzent Rudolf Santschi. Seit ­Mitte Mai dreht Paul Riniker («Sommervögel») in Zürich seinen ­zweiten Kinospielfilm. «Dieser Hund», knurrt Riniker neben Santschi: «Schwierig!» Und: «Vielleicht sollten wir seinen Schwanz anbinden. Wenn der Hund doch wenigstens seinen Kopf ins Körbchen stecken ­würde!»

Der Hund ist mit seinen Trainern von München angereist. Er ist dreijährig, hat die huskyhellen Augen seiner Mutter, das struppige Fell des Vaters und heisst Martha. Eigentlich müsste Martha bloss im Körbchen liegen, sich von Gnädinger in einen zitronengelben Ford Mustang tragen lassen. Auf einem Theaterstück von Thomas Hostettler beruht die Geschichte. Er habe das Stück auf der Bühne gesehen, sagt Schneider später beim Essen. Die Vorlage sei für den Film stark umgeschrieben worden – fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet Christa Capaul. Schneider spielt im Film einen, der, von Beruf Monteur, im Leben viel gereist ist. Doch nun hat er vor zwei Jahren seine Frau verloren, sein erwachsener Sohn will von ihm nichts wissen. Sein Hund ist alt und siech, sodass sein einziger Freund, mit dem zusammen er früher zum Tanz aufspielte, nun mit dem Mustang vor- und mitsamt dem Hund wieder wegfährt.

Einmal nicht Komiker

Offenes Hawaiihemd über hellem T-Shirt, schicke Uhr, nobler Ring, gibt Gnädinger den Kumpel. Um Erinnerungen, Lebensüberdruss, Freundschaft, einen letzten Dienst geht es in Rinikers Film. Das Thema ist ernst, aktuell, geht nahe. Doch ein Profi, sagt Schneider, schalte nach der Arbeit ab. Und nein, sagt er, um einen solchen Gefallen würde er Gnädinger, obwohl er ihn nun doch schon eine ganze Weile kenne, im wirklichen Leben garantiert nicht bitten. Und: «Nein», kontert auch Gnädinger, das würde er Schneider in Wirklichkeit doch nie und nimmer zuliebe tun.

Sie kennen sich. Paul Riniker wollte unbedingt mit Jörg Schneider arbeiten, Schneider ist froh, diesmal nicht den Komiker geben zu müssen. Mathias Gnädinger ist nachdenklich. Die Stimmung auf dem Gelände des abgerissenen Hardturmstadions ist beim Essen friedlich und gelöst.

Die Pause tut gut. Oft haben Kameramann Felix von Muralt und sein Assistent nur in den Himmel gestarrt, derweil Schauspieler, die Crew und der Hund auf den Einsatz warteten. Nicht Sonne war gefragt, sondern Schatten.

Martha hat, als es zu den Nahaufnahmen ging, brav den Kopf in den Korb gesteckt. «Toll, der Hund!», freute sich Riniker. «Ihr wart ebenfalls gut!», sagt er zu den die Schauspieler.

Es brauchte Geduld und gute Nerven an diesem Nachmittag, an dem Schneider und Gnädinger wieder und wieder in ihre Rollen schlüpften, der eine des anderen Hund davontrug, derweil Helfer Verkehr und Passanten aufhalten.

Mit «4.1.1.» geht es nach dem Essen weiter. Martha ist bereits unterwegs nach Hause. Gnädinger, das Hundehalsband in den Händen, schaut nochmals bei Schneider vorbei. Sehr berührend sei diese Geschichte, sagen alle, die auf dem Set sind. Es sind etliche: Masken- und Kostümbildnerin, Kamera- und Tonteam, Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Script, Helfer, Helferinnen.

Ein letzter Dienst

Bis Ende Juni wird gedreht. Zuerst an der Förrlibuckstrasse, dann in Zürich-Oerlikon. Anfang 2015 wird Rinikers Film ins Kino kommen. Jörg Schneider und Mathias Gnädinger werden darin Hans und Willi sein. Martha wird als Miller sterben, das Förrlibuckstrasse-Haus wird in Zürich-Oerlikon stehen. Der Film, der von zwei Freunden und einem letzten Liebesdienst erzählt, wird den ­Titel «Usfahrt Oerlike» tragen. Oder eben international: «Exit Zürich-Oerlikon».

Irene Genhart

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