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Liebe und Leid in Afghanistan

Wer Khaled Hosseinis Bestseller «Drachen­läufer» mochte, wird auch dieses Buch verschlingen: Qais Akbar Omar erzählt in «Die Festung der neun Türme» die Geschichte seiner afghanischen Familie. Diese steckt voller Wunder und Schrecken.

Der Gegensatz zum heutigen, von Konflikten geprägten Afghani­stan könnte kaum krasser sein. Qais Akbar Omar beschreibt auf den ersten Seiten von «Die Festung der neun Türme» seine frühe Kindheit in Kabul. Seine Mutter trägt kurze Röcke und arbeitet in einer Bank, sein Vater brettert in Schlaghosen auf einem Motorrad durch die Stadt. Die Kinder spielen mehr oder weniger unbeaufsichtigt. Am liebsten lassen sie Papierdrachen in die Luft steigen. Wen das an den Weltbestseller «Drachenläufer» von Khaled Hosseini erinnert, der liegt richtig. Qais Akbar Omar hat sich von seinem Landsmann inspirieren lassen, wie er im Nachwort seines Buches schreibt. Teilweise fast märchenhaft «Lange habe ich meinen Kummer in meinem Herzen eingesperrt. Nun teile ich ihn mit euch», betont der Autor. Seine idyllische Kindheit ist jäh zu Ende, als die Mujahedin 1992 Kabul und den Rest des Landes einnehmen. Zuerst werden sie noch begeistert begrüsst – auch von Qais’ Fami- lie –, weil viele hoffen, die «Gotteskrieger» werden die Russen vertreiben. Doch schon bald zeigt sich, dass sie ihre neue Macht schamlos missbrauchen. Hinzu kommen Fehden zwischen verschiedenen Stämmen, in denen auch Unbe­teiligte ihr Leben lassen. Als die Gotteskrieger endlich verschwinden, werden sie von den Taliban abgelöst, die fast noch grausamer wüten, neue Gesetze erlassen und Steinigungen als Spektakel inszenieren. Qais und seine Familie können sich immer wieder in die «Festung der neun Türme» retten, ein grosses Anwesen ausserhalb von Kabul. Nicht nur der Inhalt, auch Qais Akbar Omars Schreibstil erinnert an Khaled Hosseini. Er versteht es, die komplexe Geschichte wunderbar vor dem Leser auszubreiten. Manche Passagen muten beinahe märchenhaft-romantisch an. Zum Beispiel, wenn er schildert, wie er bei einer wunderschönen, aber stummen Turkmenin das Teppichknüpfen lernt. Die neuen Fähigkeiten nutzt er später, um für seine Familie Geld zu verdienen. Heute hält der Autor, der in Afghanistan und den Vereinigten Staaten lebt, regelmässig Vorträge über die Kunst des Teppichknüpfens. Grausame Szenen Was das Buch so spannend macht, ist auch seine Authentizität. Die Leser erleben die Geschichte ­Afghanistans von den 1980er-Jahren bis heute aus persönlich geprägter Perspektive mit. Dabei zeigt Qais Akbar Omar, wie zu­fällig es ist, dass der grösste Teil seiner Familie die turbulenten Zeiten überlebt hat. Immer wieder hat er unglaub­liches Glück: Einmal erkennt er im entscheidenden Augenblick in einem potenziellen Peiniger einen ehemaligen Freund von früher, der ihn dann beschämt ziehen lässt, oder er und sein Vater gehören gerade der richtigen Volksgruppe, den Paschtunen, an. Der Autor lässt dabei auch nicht aus, zu welchen Grausamkeiten die Menschen fähig sind. «Die Festung der neun Türme» ist teilweise schwere Kost. Dem Autor gelingt es aber, auch leichte Momente zu zeigen. Er schildert die selbstverständliche Gastfreundschaft der Afghanen, beschreibt typische Streitereien mit seinen fünf Schwestern und seinem Bruder und erzählt, wie er immer wieder von der Gross­zügigkeit fremder Menschen überrascht wird. Kraftvoll und fesselnd Berührend ist vor allem die Geborgenheit, die er in seiner Familie erlebt. Kurz: Sein autobiografisches Buch ist nicht nur authentisch und spannend, sondern es verfügt trotz furchtbarer Szenen auch über die nötige Wärme. Wer es einmal in die Hände nimmt, wird es ungern wieder loslassen. Mirjam Comtesse

Qais Akbar Omar: Die Festung der neun Türme. Verlag C. Bertelsmann, 512 Seiten. 28.50 Fr.

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