Winterthur

Littering in the rain

«Sektor 1», das neue Stück von Karl's kühner Gassenschau, feierte eine rauschende Premiere. In Kurzform: Promis, Regen, Spektakel, Regen, Applaus, Regen, Begeisterung.

Pflotschnass und strahlend: Die Gassenschau-Schauspieler nach der Premiere auf der zugemüllten Bühne. Bild: Jakob Bächtold

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Nachrichten von der «Sektor 1»-Premiere in Tropfenform:

Der eindrücklichste Spezialeffekt: der Regen. «Wo hatten die nur all das Wasser her?», wunderte sich Komikerin Anet Corti, eine von Dutzenden Schauspielerinnen im Premierenpublikum. Es tropfte, kübelte, hagelte Katzen, schüttete. Beeindruckend war, wie sich die Schauspieler davon überhaupt nicht erweichen liessen. Gassenschau-Mitgründerin Brigitt Maag, die als Frau Ida zwei Stunden draussen auf der Bühne stand: «Regen ist ja nur ekelhaft.» Absagen würde man einzig und allein bei zu starkem Wind. Dieser könnte den spektakulären Bühnenmaschinen gefährlich werden.

Hommage: Der Regen hatte ja schon andere berühmte Auftritte, zum Beispiel hier: Quelle Youtube

Der grosse Star: das Bühnenbild. Die idyllische Grünlandschaft wird zu einer Müllhalde gesprengt. Schweres Gerät schwebt federleicht vor den Zuschauern vorbei. Regula Esposito alias Helga Schneider, eine von Dutzenden Künstlerinnen im Publikum: «Das war grosses Feuerwerk. I love Technik! Am besten gefallen hat mir der Müll-Satellit ganz am Anfang. Aber auch das Waschmaschinen-Karrussell. Und auch der Teich. Und auch die Müllberge.»

Die Reaktionen: Das Premierenpublikum war begeistert. Tosender Applaus. Standing Ovations. Kommentare gabs nur im Superlativ: «Einfach spektakulär!» (Showmaster Sven Epiney) «Einmal mehr: Einzigartig!» (Alt-Stadtpräsident Ernst Wohlwend) «Es tut so verdammt gut, dass es in der Schweiz eine Truppe gibt, die mit so verspielt und mit so viel Aufwand das Publikum einfach umhaut.» (Fernsehfrau Monika Schärer) «Prädikat: genial.» (Anet Corti) «Wie war der Abend?» (Frage statt Antwort von Thomas Martins von Oropax)

Die ausführliche Reaktion von Viktor Giacobbo: «Es war wie in einem Science-Fiction-Film. Dabei musste ich mich immer wieder daran erinnern, dass ich in einer Theaterproduktion sitze. Karl's kühne Gassenschau ist eine konkurrenzlose Truppe. Die einzige, die so ein Spektakel zu Stande bringen. Es ist grossartig. Und ebenso grossartig ist, dass die Truppe nach all den Jahren immer noch so gut funktioniert. Das ist wirklich beachtlich. Ich gehe immer gerne an Premieren, wenn Freunde auftreten. Das ganze Drumherum und die Interviews danach mag ich zwar nicht besonders. Aber es ist immer eine spezielle Atmosphäre, auch wenn es davor schon Probeauftritte mit Publikum gab. Es ist das grosse Coming-Out eines Stücks.»

Die Reaktionen nach Mitternacht: In vino veritas. Mit fortgeschrittener Premierenfeier wurde die versammelte Kunstszene des Lobens langsam müde. Es kommt die Stunde der wahren Kritik. Das Stück ist ohne Frage begeisternd, eine Show sonder gleichen, mit wunderbaren Bildern, grossartiger Musik, herrlichem Witz, Maschinerie und Pyrotechnik sind Extraklasse. Zu Beginn hat es allerdings Längen. An den ersten 30 Minuten des Zweistünders kann man noch feilen, da würde es noch die eine oder andere Pointe mehr vertragen. Zeit zum Schräubeln ist genug: Geplant sind bereits 88 Vorstellungen, und allenfalls eine zweite Saison in Winterthur.

Und noch eine Hommage an den Regen: Der hat allerdings im Trockenen gesungen: Quelle Youtube

A gegen B: Selten sind die Winterthurer Anlässe, an denen Zürcher Stadträte zahlreich erscheinen. Gestern herrschte bei der stadträtlichen Anwesenheit 3:3 unentschieden. Zürich lief mit Claudia Nielsen (SP), André Odermatt (SP) und Gerold Lauber (CVP) auf. Winterthur hatte Yvonne Beutler (SP), Matthias Gfeller (Grüne) und Stefan Fritschi (FDP) im Aufgebot. Auffallend war, dass sich die Zürcher alle auf die reservierten Promi-Plätze setzten, während sich die Winterthurer (ausser Beutler) unters normale Publikum mischten. B wie Bescheidenheit. Falls dem Landboten noch ein Stadtratsmitglied entgangen sein sollte, nehmen wir sachdienliche Hinweise gerne entgegen unter: redaktion@landbote.ch. Als gesichert gilt: Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) hat die Premiere - die ja auch die Eröffnung eines temporären KMU mit über 200 Mitarbeitern und über 100'000 Zuschauern war - geschwänzt.

Und zum Schluss nochmals einige besonders schöne Zitate aus der Premierenfeier. Anet Corti erzählte: «Bei der Gassenschau frage ich mich immer: ‹Wo chlöpft's als nächschts? Wo schpickt wider irgendöpper use?› Und auch diesmal wurde ich da nicht enttäuscht.» Sven Epiney: «Riesenrespekt vor der Leistung der Schauspieler. Zwei Stunden in diesem Regen eine solche Show hinzulegen ist grossartig. Die haben jetzt sicher Schwimmhäute zwischen den Fingern.» Brigitt Maag: «vor der Premiere waren wir angespannt wie Rennrössli. Jetzt freuen wir uns, dass wir loslegen können.» Thomas U. Hostettler, durchnässter Gassenschauspieler mit Irokesenfrisur: «Das war Rock'n'Roll. Space! I love it.»

Und ganz zum Schluss das Fazit: Grandios. Muss man sehen.

Das war der Promireport des Landboten von der Premierenfeier. Einen gehaltvollen Premierenbericht gibt es hier.

Noch mehr zur Gassenschau? Wie wärs mit Tweets und Promi-Bildern von der Premiere.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand, der Zürcher Stadtrat habe die einheimische Regierung in Sachen Anwesenheit mit 3:2 übertrumpft. Unterdessen hat der Landbote nachgeforscht und erfahren, dass auch Stadtrat Matthias Gfeller (Grüne) irgendwo auf der Tribüne war. Darum steht's jetzt 3:3.

Erstellt: 17.06.2016, 06:40 Uhr

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