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Lkw-Invasion aus Osteuropa

Chiasso. Der alpenquerende Güterverkehr wird immer häufiger von osteuropäischen Lastwagen ausgeführt. Das bedroht langfristig die Schweizer Verlagerungspolitik.

Litauen, Rumänien, Bulgarien, Ukraine: Wer mit offenen Augen auf der Autobahn A2 Chiasso–Basel fährt, merkt schnell, aus welchen Herkunftsländern ein Grossteil der Lastwagen stammt. Im alpenquerenden Nord-Süd-Verkehr dominieren mittlerweile nämlich die in Osteuropa immatrikulierten Camions. «Sie machen am Warenzoll Chiasso mehr als 50 Prozent aus», sagt auch Silvio Tognetti, Direktor des Zollkreises Lugano.

Statt Italienern, Deutschen oder Holländern sitzen immer öfter Polen, Bulgaren oder weitere Osteuropäer am Steuer. Dies bringt gewisse Probleme am Zoll mit sich, weil die Schweizer Nationalsprachen und Englisch nicht mehr ausreichen. «Das ist für unser Personal nicht so einfach», so Tognetti.

Verlässliche Statistiken zu diesem Verlagerungsphänomen gibt es in der Schweiz nicht. Weder das Bundesamt für Strassen noch die Eidgenössische Zollverwaltung können die Entwicklungen im Detail quantifizieren. Anders in Deutschland: Die Mautstatistik des Kölner Bundesamtes für Güterverkehr zeigt auf, dass Lastkraftwagen aus Polen, Tschechien, Rumänien und Bulgarien bereits einen Viertel des Fernverkehrs auf den Autobahnen ausmachen. Bulgarische Camions steigerten ihre Fahrleistungen im vergangenen Jahr um 20,2 Prozent auf rund 291 Millionen Kilometer, rumänische um 18,6 Prozent auf 584 Millionen Kilometer. Weniger genutzt wurden die deutschen mautpflichtigen Strassen dagegen von Lastwagen aus den alten EU-Ländern wie Schweden (minus 17,4 Prozent) oder Italien (minus 14,2 Prozent).

Monatslohn: 750 Franken

Der Hintergrund dieser Entwicklung ist klar: Europäische Transportfirmen lagern ihre Flotten nach Osteuropa aus und können dank Billigchauffeuren Kosten vermindern. Monatslöhne von umgerechnet 750 Franken sind dort keine Seltenheit. Häufig sind die Lastwagen daher sogar mit zwei Chauffeuren unterwegs, die sich abwechseln, damit das Fahrzeug nicht stillstehen muss. Auffällig ist ebenfalls, dass bei Sattelschleppern häufig Zugmaschinen mit Kennzeichen aus osteuropäischen Ländern verkehren, während die Sattelaufleger aber aus einem westeuropäischen Land wie den Niederlanden oder Italien stammen.

Diese Entwicklung ist für die Schweizer Verkehrspolitik nicht folgenlos. Auch wenn die Bahn 2013 ihren Marktanteil im alpenquerenden Güterverkehr auf 66 Prozent steigern konnte und die Zahl der Lastwagenfahrten in absoluten Zahlen sank, macht sich die Billigkonkurrenz auf der Strasse immer stärker bemerkbar. «Denn letztlich spielt der Preis die entscheidende Rolle», sagt Irmtraut Tonndorf, Sprecherin der Hupac AG in Chiasso, der grössten Schweizer Anbieterin für unbegleiteten kombinierten Verkehr (UKV).

Zwar hat der Nationalrat gerade im März nochmals die Betriebssubventionen für den UKV erhöht. Doch ab 2023, drei Jahre nach der (wahrscheinlichen) Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels, muss der Containertransport per Bahn ohne Betriebsbeiträge auskommen. Dann wird der Kostendruck auf den Bahngüterverkehr weiter zunehmen.

Vorteil durch Lohndumping

Auch beim Verein Alpenin­itia­ti­ve beobachtet man das Phänomen mit Argwohn. Eigentlich ist es den Alpenschützern egal, ob ein Camion aus Deutschland oder Polen stammt. Der Verein setzt sich für die Begrenzung der Transitfahrten gemäss Verfassung und Gesetz ein und damit für eine Verringerung des Schadstoffausstosses im Alpenraum. Doch gefordert werden gleich lange Spiesse zwischen Bahn und Strasse. «Und durch das Lohndumping verschafft sich die Strasse Vorteile», so der Sprecher der Alpeninitiative, Thomas Bolli.

Kritisch zu dieser Entwicklung äussert sich schliesslich Michael Gehrken, Direktor des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands (Astag): «Diese Beobachtung bestätigt unsere Feststellung, dass die Massnahmen zur Verlagerung des alpenquerenden Schwerverkehrs vor allem den Binnenverkehr treffen und letztlich die Schweizer Wirtschaft und Konsumenten belasten, ohne dass eine effektive Verlagerung von Grenze zu Grenze stattfindet.»

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