Zum Hauptinhalt springen

Lomo

Umzug

Alles zieht um. Scotland Yard zieht um, Ex- Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zieht um, und die Post am Bahnhofplatz Romanshorn zieht um. Auch die Zürcher Universität will neue Quartiere in der Stadt beziehen, und die Winterthurer Stadt­verwaltung soll dereinst in den Superblock auf dem Sulzer-Areal einziehen. Ja, nicht einmal die ominöse Stiftungsurkunde von Bruno Stefaninis Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte darf in jenem Archiv bleiben, wo sie bislang eingelagert war. Und nun ist also auch noch meine Kolumne umgezogen, v on Samstag auf Mittwoch. Damit liege ich voll im Trend, und ich muss sagen: Nie war ein Umzug so einfach wie dieser. Ich weiss nämlich, wovon ich rede.

Was Umzüge angeht, bin ich Profi und gebranntes Kind gleichermassen. Was ich nicht schon alles gezügelt habe: zum Beispiel einmal ein Klavier. Dre i Stockwerke hinunter und eines hoch (was übrigens eine schlechte Idee ist: meine Rückenwirbel ­haben sich jedenfalls bis heute nicht vollständig davon erholt und die schwarzen Tasten mit dem hohen Gis und dem Fis auch nicht). Oder das Ehebett der Eltern eines guten Freundes, dessen Bruder in der neuen Wohnung keinen Platz dafür hatte, aber sich trotzdem nicht davon trennen wollte – wer weiss, ob aus nostalgischen Gründen oder als Erinnerung an seine eigene Zeugung. Oder einen ungefähr zweihundert Kilo schweren Kristall aus einer Praxis für Alternativmedizin in die andere. Den Patienten zuliebe kann ich nur hoffen, dass dieser Kristall nicht zum Auflegen verwendet wird. Gezügelt hab ich ausserdem schon mal einen Käselaib, ein Partyzelt, eine Schatzkiste, sieben Zauberkästen, einen Überseekoffer, vier Cowboyhüte, sieben Dächli­kappen, eine ganze Kindheit an Hörspielkassetten, mehrere Steinplatten, eine in einer Ritterrüstung versteckte Schnapsbar samt Gläsern und insgesamt etwa 700 Bananenschachteln mit Büchern.

Gegen solche Exzesse ist so ein Kolumnenumzug nichts als ein Klacks, zumal das Inventar, aus dem sich so eine Kolumne zusammensetzt, glücklicherweise nur virtuell existiert: einen Rucksack an fixen Ideen, ein Haufen schlechter und mehrere Ordner voller guter Erinnerungen, ein Necessaire mit Neurosen, eine Floskeltasche und natürlich die rhetorische Trickkiste – das alles hat man schnell gezügelt. Und zudem haben mir ja noch die Zeitungsverträger dabei geholfen, meinen ganzen Karsumpel in sämtlichen Winterthurer Haushalten zu deponieren. Und da bin ich nun. In dem Sinne: Danke, dass ich bei Ihnen einziehen darf!

Johannes Binotto

Interview mit «Lomo»-Autor Johannes Binotto auf Seite 4

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch