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Lomo

Pathologisch höflich

Meine Frau und ich schauen gerade mit Enthusiasmus eine Fernsehserie, deren Protagonist ein regelrechter Soziopath ist und andauernd Mühe hat, sich im Umgang mit den Mitmenschen richtig zu verhalten. Zweifellos besteht der Reiz der Serie darin, dass uns allen die mangelnde Sozialkompetenz des schrägen Helden eigentlich bestens vertraut ist – ja, dass wir ihn insgeheim gar darum beneiden, dass er sich im Zusammenleben derart danebenbenimmt, wie es die meisten von uns auch gern tun würden. Nehmen wir zum Beispiel spontane Besuche: Wie viele Jahrtausende der Evolution hat es gebraucht, damit wir es schaffen, mit einem Lächeln die Haustür zu öffnen, an der grad die Freunde geklingelt haben, die eigentlich auf der Durchreise waren und einfach mal spontan Hallo sagen wollten? «Ach, das ist ja eine schöne Über­raschung!», sagen wir freundlich, wo unsere animalischen Vorfahren nur wutentbrannt gebrüllt hätten.

Und statt den Besuch mit einer Keule zu vertreiben, bitten wir ihn auch noch herein und kramen sogleich Guetsli und Kaffee hervor. Unsere Zähmung ist sogar so weit in den Masochismus fortgeschritten, dass wir, wenn sich der spontane Besuch nach drei Stunden doch noch daranmacht, wieder aufzubrechen, enttäuscht ausrufen: «Müsst ihr denn schon gehen?» Da muss man sich doch fragen, ab wann eigentlich Höflichkeit selbst schon pathologisch wird?

Kinder hingegen sind, was die Sozialkompetenz angeht, noch nicht ganz so überzüchtet. Der Junge von Bekannten etwa hat zwar bei unserem Anblick nicht grad mit faulen Bananen nach uns geworfen, ein affenartiges Wutgeheul jedoch war uns ­sicher. Doch seit er in die Schule geht, hat sich seine Art, die eigene Unzufriedenheit kundzutun, stark verfeinert: Beim letzten Mal, als wir zu Besuch waren, hat er aus Papier kurzerhand eine Quarantäne-Fahne gebastelt und dick «PEST» darauf geschrieben und an die Haustür gehängt. Seinen Eltern war das sehr peinlich. Ich aber habe nur gedacht: Warum komme ich eigentlich nie auf eine derart stilvolle Idee, um ­Besucher abzuwimmeln?

Johannes Binotto

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