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lomo Alles noch möglich

von johannes binotto

Hast nicht du vielleicht eine Idee für ein Lomo?», frage ich meine Frau, als ich aus der Dusche steige. Der kleinere unserer zwei Buben hörts und fragt: «Wo? Lomo, wo?», und schaut sich dabei fragend um. Ich muss lachen. Ja, schön wärs, wenn eine Kolumne wie ein zutrauliches Haustier zusammengekauert gleich hinter der nächsten Tür liegen würde. Und zugleich wird mir schlagartig bewusst, wie mickrig und kleinkariert meine Vorstellungskraft ist im Vergleich zu derjenigen eines Zweijährigen. Eigentlich müsste mein Sohn über mich lachen und meine Borniertheit. Wenn beim Mittagessen meine Frau plötzlich anfinge, zu schweben, und einmal um die Küchenlampe fliegen würde, kriegte ich bestimmt einen Nervenzusammenbruch. Der Kleine hingegen würde das wohl nur amüsant finden und gar nicht so unglaublich. War­um sollte die Mama denn nicht fliegen können, wo sie doch auch gehen, tanzen, springen kann? War­um gilt das eine als normal und das andere als unmöglich?

Wir Erwachsenen haben die Tendenz, zu glauben, dass etwas, was bislang noch nie geschehen ist, deswegen auch gar nicht geschehen kann. Und wo uns doch zuweilen das Unerwartete widerfährt, brauchen wir sogleich eine wissenschaftliche Erklärung dafür. Unwägbarkeiten müssen berechnet werden, alle Irritationen gehören wegtherapiert. Für meinen Sohn hingegen sind die Möglichkeiten grenzenlos, ganz selbstverständlich und ohne dass er sich dar­über grosse Gedanken machen würde. Und ich frage mich, wann es wohl anfängt, dass man den Kindern diese Grenzenlosigkeit der Vorstellungen auszutreiben beginnt, so lange, bis man sie aufs dasselbe platte Niveau heruntergebracht hat, auf dem wir Eltern uns befinden. Eigentlich müsste ich mich von ihm erziehen lassen, denke ich, während ich schlotternd, das Badetuch noch immer in der Hand, auf der Badezimmermatte vor ihm stehe. «Was ist los, wieso trocknest du dich nicht ab?», fragt mich meine Frau irritiert. Mein Sohn hingegen war auch darüber, dass er von seinem triefenden Vater angestarrt wird, überhaupt nicht verwundert.

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