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lomo Hack- und Schreiordnung

von johannes binotto

Der Hering frisst das Plankton, der Kabeljau frisst den Hering, die Robbe frisst den Kabeljau und der Eisbär frisst die Robbe. «Nahrungs­kette» – so nennt man bekanntlich das grausige Dominospiel von Fressen und Gefressenwerden. In der Nahrungs­kette zeigt sich am prä­gnan­testen, wie die Hackordnung der Fauna aufgebaut ist. Und so drückt sich denn in der Nahrungskette weniger ein kulina­risches, als vielmehr ein soziales Verhältnis aus.

Daran musste ich denken, als mir letzthin eine Bekannte davon erzählte, wie sie eben von einem älteren Passanten lauthals angeschnauzt wurde, sie solle gefälligst ihren kleinen Gofen zur Räson bringen und ihn davon abhalten, den Tauben nachzujagen. «Schliesslich sind Vögel ja auch Lebewesen», hatte der erzürnte Tierfreund der verdatterten Mutter ins Gesicht geschrien. Damit hat er zweifellos recht. Doch dummerweise sind dreijährige Buben ebenfalls Lebewesen, ebenso wie junge Mütter und pensionierte Spaziergänger, und dar­um ergeben sich vielleicht zwangsläufig ähnliche soziale Konflikte, wie wir sie auch in der Nahrungskette antreffen. Man könnte das Phänomen vielleicht die «Spielplatz-Kreisch-Kette» nennen: Der Vogel kreischt, das Kleinkind kreischt dem kreischenden Vogel hinterher, die Mutter kreischt ihrem kreischenden Kind hinterher und der tierfreundliche Passant kreischt der kreischenden Mutter hinterher.

Das ist akustisch mehr als unangenehm. Trotzdem scheint mir die Kreisch-Kette letztlich gerechter als die Nahrungskette. Denn in der Nahrungskette unterliegt der Schwächere restlos dem Stärkeren. In der Kreisch-Kette hingegen kann dieser sich mit Erfolg auflehnen. Konkret: Das Plankton hat gegen den Eisbären keinerlei Chance. Bei der Szene im Park jedoch war es wohl so, dass am Ende die verschreckt davonflatternde Taube ausgerechnet dem engagierten Passanten auf den Hut geschissen hat. So schliesst sich die hierarchische Hackordnung unversehens zu einem ausgeglichenen Kreis. Ist doch viel sympathischer.

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