Zum Hauptinhalt springen

London 2012 ohne Limousine und Überblick

Sie sind Live-Kommentator am Fernsehen und haben keine Limousine mit Chauffeur?», fragte mich ein britischer Journalist, mit dem ich an der Bushaltestelle ins Plaudern gekommen war. Vorstellungen hatte der Mann! Da erwähnte ich lieber nicht, dass ich in einem kleinen Appartement wohnte und mir das Frühstück selber zubereiten musste.

Ich reiste zusammen mit meinem Co-Kommentator mit dem Bus, noch viel häufiger aber mit der U-Bahn zur North Greenwich Arena, wie die O2-Arena während den Olympischen Spielen werbefrei hiess. Nach Ende des Wettkampfes geschah in meinen Augen jedes Mal das «achte Weltwunder»: 16 000 Menschen strömten alle gleichzeitig mit mir zur einzigen U-Bahn-Station. Ich ging und ging und stand nie still, und kaum war ich nach diversen bewältigten Treppen auf dem Perron angekommen, war auch schon der Zug da; Wartezeit höchstens zwei Minuten! Ich habe versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und dabei fiel mir Folgendes auf: Die Anmarschroute wurde durch Stahlzäune künstlich verlängert und so gestaltet, dass es nie eine scharfe Kurve gab. Es verkehrten eine Unmenge von Zügen. Und zum Einsteigen standen viele Türen zur Verfügung, etwa alle drei Meter eine.

Vom Kunstturnen, das wir kommentierten, bekamen wir alles mit, vom restlichen olympischen Geschehen fast gar nichts! Jeder TV-Zuschauer zu Hause hatte es da punkto Übersicht besser als wir. Dafür besassen wir mit unserem Olympia-Ausweis das Recht, nicht nur Veranstaltungen zu besuchen, bei denen wir ar­bei­te­ten, sondern als sogenannte «Observer» auch alle anderen. Immerhin schafften wir es in unserer arbeitsfreien Zeit, einige Sportarten wie Tischtennis, Fechten, Handball oder Gewichtheben zu geniessen. Zwar meistens irgendwelche Vorkämpfe ohne Schweizer Beteiligung, aber wir mussten einfach nehmen, was zeitlich passte, und kamen dabei doch in den Genuss der überall gleich begeisternden Stimmung.

Einmal kehrten wir nach den Kunstturn-Wettkämpfen nochmals ins Medienzentrum der Halle zurück und sahen dort auf einem Bildschirm den Tennis-Halbfinal von Roger Federer – ohne Ton, aber der nicht enden wollende dritte Satz sprach auch von der Resultateinblendung her für sich.

An unserem einzigen freien Tag war Shopping angesagt. Als wir, bepackt mit zahlreichen Taschen, ermattet in unser Appartementhaus zurückkehrten, stieg ein Kollege aus dem Lift und empfing uns mit den Worten: «Super, wieder eine Goldmedaille!» – «Ah! Wer? Wo? Wann?» Das Einzelspringen der Reiter war also heute gewesen (ach ja, stimmt!), und Steve Guerdat hatte gewonnen. Gut zu wissen …

Nino Schurters Mountainbike-Kampf erlebte ich dann bewusst als Fernsehkonsument im internationalen TV-Zentrum, wo ich mich für die Schlussfeier vorbereitete. Während dieser sagte mein Co-Kommentator Peter Balzli angesichts einer Traube von kanadischen Sportlern, dieses Land habe erstmals in einer Sommer-Mannschaftssportart eine Goldmedaille gewonnen (statt korrekt: eine Medaille). Prompt schrieb am Tag danach der Kritiker einer Tageszeitung: «Hat denn der Mann in den letzten zwei Wochen nie ferngesehen?»

Nein! Hatte er nicht! Er hatte von morgens früh bis abends spät gearbeitet! Ich tröstete ihn mit einem Satz von Aristoteles: «Töpfer beneiden Töpfer», oder in diesem Fall: Journalisten, die zu Hause blieben, beneiden Journalisten, die in London sein durften. Zumindest der Neid auf die schwarze Limousine mit Chauffeur war aber unberechtigt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch