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Märchenkönigin und kluge Matriarchin

BERN. Sie hatte vor wenigen Jahren den Wunsch geäussert, 100 Jahre alt zu werden. Das war ihr nicht vergönnt: Im Alter von 93 Jahren ist die Märchenerzählerin Trudi Gerster gestorben. Bis ins hohe Alter trat die «Märchenkönigin» auf und zog Kinder in ihren Bann.

Ihre prä­gnan­te Stimme, mit der sie alle Nuancen von fein säuselnd über tierisch grunzend bis zu bedrohlich donnernd beherrschte, liess drei Generationen von Deutschschweizer Kindern wohlig erschauern. Das ihr eigene getragene Tempo, die deutliche Betonung und der St. Galler Dialekt verliehen ihrem Erzählen etwas Hypnotisches. Ein einziges Mal nur, auf der Expo.02, seien ihr drei Kinder aus einer Märchenstunde gelaufen, erinnerte sich Trudi Gerster vor wenigen Jahren. Es stellte sich heraus: Die Kleinen verstanden kein Deutsch. Sie seien dann aber doch wiedergekommen, einfach um ihr beim Erzählen zuzuschauen. Märchenfinanziertes Studium Obwohl sie von klein auf im Hinterhof für die Nachbarskinder Märchenaudienzen hielt, war ihr Aufstieg zur Schweizer Erzählkönigin zunächst nicht vorgezeichnet. Die Mutter sah in der Tochter eine Schneiderin, sie selber erwog ein Theologiestudium, entschied sich aber dann für den Schauspielberuf. Um sich den Unterricht leisten zu können, nahm sie einen Märchenfee-Job an der Landesausstellung von 1939 an. Der Erfolg war enorm. Dank Mundpropaganda drohte das «Märlizelt» schon bald aus allen Nähten zu platzen. Die 19-jährige Elfe und das ihr an den Lippen hängende Gefolge mussten auf den grossen Spielplatz umziehen. Das Honorar des Aushilfsjobs reichte dann doch nicht für eine mehrjährige Ausbildung. Also nahm Trudi Gerster Privatunterricht bei grossen deutschen Schauspielern, die der Krieg ins Schweizer Exil getrieben hatte. Nach einem Jahr bestand sie die eidgenössische Bühnenprüfung. Es folgte ein Festengagement am Stadttheater ihrer Heimatstadt St. Gallen, wo die zierliche junge Frau unter anderem 1941 als Walterli neben Heinrich Gretler auftrat. Dazu kamen Gastspiele vor allem in Schweizer Städten, aber auch in Deutschland und Österreich. Da die Theater damals noch keine Spesen vergüteten, blieb das Erzählen ihr Nebenverdienst – und machte sie vor allem dank dem Radio berühmt. Nach der ersten Heirat 1948 und mit der Geburt ihrer Tochter und ihres Sohns gab sie die Schauspielerei auf und kon­zen­trier­te sich aufs Erzählen, um in der Nähe der Familie sein zu können. Dabei las sie nicht nur, sondern sammelte, übersetzte und bear­bei­te­te Geschichten aus aller Welt, von «Bambi» über «Dschungelbuch» bis zu «Gullivers Reisen». Ihr Leben in der Politik Als die Kinder schon grösser waren, startete Gerster 1968 eine dritte Karriere – als Politikerin. Als eine der ersten Frauen wurde sie in ein schweizerisches Parlament gewählt, in den Grossen Rat von Basel, der Stadt, wo sie seit ihrer Heirat wohnte. Zuerst politisierte Gerster als Parteilose, später als Vertreterin des Landesrings der Unabhängigen. Bis 1980 setzte sie sich vor allem für Umwelt, Frauenrechte und Kulturschaffende ein. Sie sei wohl ihrer Prominenz wegen gewählt worden, mutmasste sie später. Aber es habe sie doch erstaunt, wie grossen Spass ihr das Politisieren gemacht habe. Nur dass ihre politischen Gegner ihr gelegentlich mit dem Vorwurf des Märchenerzählens den Wind aus den Segeln zu nehmen versuchten, das habe sie schon ziemlich genervt. Ihre Altersjahre standen im Zeichen öffentlicher Ehrungen. 1998 war Gerster zur beliebtesten Kulturschaffenden der Schweiz gewählt worden, 2005 erhielt sie den Ehren-Prix-Walo. 2009 würdigten die Filmemacher Barbara Zürcher und Angelo A. Lüdin Gerster mit der Hommage «Die Märchenkönigin». Der Film zeichnete das Bild einer stolzen Künstlerin, Matriarchin und klugen Frau. In einem Interview vor zwei Jahren hatte Gerster gesagt, sie fürchte den Tod nicht. «Angst habe ich nur vor Schmerzen und Krankheit.» Wie ihre Familie am Sonntag sagte, schlief die Märchenerzählerin friedlich im Kreise ihrer Angehörigen ein.

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