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Magistral musiziert

Die Bruckner-Sinfonie in der Kirche ist Tradition. Mit einem Werk des Orgelmeisters Charles Widor hatte das Musikkollegium auch einen zwingenden Grund, das Publikum zu «Piano plus» in die Stadtkirche zu bitten.

Der grosse französische Orgelmeister Charles Widor (1844–1937), der als Komponist auch Oper, Ballett und die ganze Palette der Vokal- und Instrumentalmusik bediente, war die Hauptfigur des diesjährigen von der Stadtkirche veranstalteten Orgelherbstes. Er hat zahlreiche Werke für die Orgel spätromantischer Prägung geschrieben, deren orchestrale Vielfalt und Dynamik er in «Orgelsinfonien» feierte. Nicht nur den Orgelliebhabern vertraut ist zumindest die «Toccata», der Schlusssatz der Symphonie V f-Moll op. 42/1, die auch ein Youtube-Hit ist. Alle vier Programme des Orgelherbstes schlossen mit einem dieser Werke, interpretiert vom Organisten aus Lausanne Benjamin Righetti, von Hyo Boerema aus Rotterdam, Nikolai Gersak aus Friedrichshafen und nun, zum Abschluss, von Tobias Frankenreiter, dem Winterthurer Stadtorganisten. Er allerdings hatte keine einzelgängerische Aufgabe, sondern war für Widors «Sinfonia sacra für Orgel und Orchester, op. 81» als Partner des Musikkollegiums präsent. Diese Partnerschaft zu definieren, ist nicht einfach. Das Werk beginnt mit einem markigen Streicher-Unisono, dann setzt die Orgel solo ein, die das Thema vielstimmig aufgreift. Es klingt mehr wie ein zweites Orchester im Hintergrund als wie das Jetzt-komme-ich eines Solisten. Hinzu kommt, dass das Stück auch geprägt ist von tatsächlichen Solisten des Orchesters, Oboe, Klarinette und Trompete sind solistisch besetzt, der Konzertmeister in weiten Passagen als Solist beschäftigt. Hymnischer Geigenton, Bläsermelodien und der reiche, von Tobias Frankenreiter farbig und präzis gestaltete Orgelpart ergaben ein vielschichtiges Klangereignis, umsichtig durch Fuge und finale Steigerung geführt von Douglas Boyd. Klangmächtig, angeführt von den Posaunen, dann vollstimmig setzte sich da die Choralmelodie «Nun komm der Heiden Heiland» durch. Sie macht dieses Werk zu einer Adventssinfonie, durchaus pompös, aber auch innig und dicht. Auf sinfonisch grosser Fahrt Neben einer Sinfonie von Anton Bruckner droht vieles zu verblassen, und es war am Ende des Konzerts dann doch diese ewige, aber immer wieder unerhörte «Romantische», die einem nachging. Allzu oft erklingt sie ja nicht in Winterthur, die letzte Aufführung der Vierten datiert gemäss Programmheft vom Februar 1986, und die Wiederkehr in diesen Zeiten des Sparens und in solch magistraler Form ist auch ein Zeichen dafür, dass das Orchester, dem Namen nach zum «Kollegium» geschrumpft, nach wie vor in voller sinfonischer Fahrt ist. Diese Fahrt lenkte Douglas Boyd mit einer Ener­gie­­, die aufs Ganze ging, in raumgreifenden Tempi für den Eröffnungssatz. Sie ermöglichten den berührenden Weitblick der ruhig, oder sagen wir: selig strömenden Themen von Horn, Flöte und weiteren wie auf hohem Plateau, es ergaben sich die spannend dosierten Steigerungen und elementaren Entladungen, die den Kirchenraum zum Vibrieren brachten. Dass die hallreiche Akustik der Durchhörbarkeit keinerlei Abbruch tat, war ein Zeichen für die gestalterische Klarheit und Präzision, mit der das Orchester am Werk war. Das Allegretto war voller Delikatesse bis ins zarteste Verklingen, das Jagdscherzo grenzgängerisch schnell, aber das entsprechende Beschleunigungsmoment beherrscht. Besonders bewährte sich Boyds Dirigat auch im Finalsatz, der viel Ruhe erhielt, aber auch alle Kraft. Spätestens hier, beim Aufblitzen der Becken, war auch klar, dass die Fassung von 1888 nach dem Erstdruck gespielt wurde, die erst seit Kurzem wieder häufiger berücksichtigt wird. Auch von da her eine überaus frische Aufführung, und wenn die eine oder andere Retusche zu machen wäre, heisst das nichts angesichts einer grossartigen Arbeit, die für dieses Hörglück geleistet wurde.

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