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«Man weiss nie, was passiert»

Sölden. Während man bei den Schweizer Männern nach dem missratenen letzten Winter kaum an Weltcup-Podestplätze oder Olympiamedaillen zu denken wagt, sind die Ansprüche des Frauenteams vor der neuen Skisaison ungleich höher.

Mit insgesamt 975 Weltcuppunkten und nur Platz 8 unter allen Männerteams hatten die Schweizer die letzte Saison so schlecht wie noch nie abgeschlossen. Zum Vergleich: Der Salzburger Marcel Hirscher allein kam als Gesamtweltcupsieger auf 1535 Zähler. Der 3. Rang von Carlo Janka in der Super-Kombination von Wengen sollte der einzige Schweizer Podestplatz bleiben und im Gesamtweltcup war Didier Défago als 30. noch der Beste seines Teams. Keine Frage, die Schweizer Skirennfahrer mussten im letzten Winter schwer untendurch. Dass es an der WM in Schladming nach Milde bei den Selektionen keine Medaille gab, war auch nur die logische Konsequenz.

Der neue Männer-Chef Walter Hlebayna ist sich bewusst, dass er einen schwierigen Job übernommen hat. Umso mehr, weil ein Teil seiner Fahrer in den Startlisten derzeit jenseits von Gut und Böse figurieren. Carlo Janka verzichtet deshalb morgen Sonntag auf den Riesenslalom in Sölden – notabene als aktueller Olympiasieger. Bleibt zu hoffen, dass dies die richtige Entscheidung ist, denn als erste Standortbestimmung hätte das Rennen auf dem Rettenbachgletscher allemal getaugt – hohe Startnummer hin oder her.

So wird der 36-jährige Didier Défago, der nach dieser Saison zurücktreten will und im Vorjahr in Sölden mit Platz 5 sein bestes Saisonergebnis ablieferte, am Sonntag der Einzige des siebenköpfigen Schweizer Teams sein, der älter als 23 Jahre ist. Dabei wird Justin Murisier nach seinen zwei Kreuzbandrissen und den dadurch verpassten zwei Saisons sein Comeback geben. An der WM 2011 in Garmisch hatte er im Riesenslalom immerhin den 13. Rang erreicht.

Hlebayna sagt, dass man sich mit kleinen Schritten vorwärtsbewegen müsse. «Ich bin kein Wunderwuzzi», warnt er. Für die einen kann nur schon die Olympiaqualifikation ein riesiger Erfolg sein. Von Medaillen wagt man noch nicht zu träumen – auch wenn Sotschi im Februar 2012 bei der Olympiahauptprobe ein gutes Pflaster war. Damals gewann Beat Feuz die Abfahrt und wurde Zweiter in der Super-Kombination.

Aufbruchstimmung

Eben dieser Feuz ist aber nicht mehr der gleiche wie vor 20 Monaten. Noch ist nicht mal sicher, ob er beim Speed-Auftakt Ende November in Nordamerika starten kann. Und wenn er denn wieder in den Weltcup einsteigt, wird zunächst alles auf die Frage hinauslaufen: Hält sein Knie? Verletzungen sind eine der Hauptursachen für die Misere bei den Schweizern. Mit fehlender Breite an der Spitze konnten Ausfälle schlicht nicht kompensiert werden.

Hlebayna schöpft aber aus verschiedenen Tatsachen Optimismus. Er sagt, das Lazarett lichte sich langsam und man habe optimal trainieren können. Anstatt nach der Saison im letzten Frühling auszuspannen, beraumte er Tests auf Schnee an. Er habe dabei willige und keinesfalls resignierende Athleten angetroffen und eine Aufbruchstimmung gespürt. Einige habe man sogar bremsen müssen. Andere Zusammenstellungen der Trainingsgruppen sollen seither mehr Dynamik erzeugen.

Manche Fahrer mussten sich in der «Ära Inglin» den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten zu viel getestet und zu wenig trainiert. In diesem Bereich will Hlebayna einen Hebel ansetzen: Das Training werde sicher nicht zu kurz kommen und man werde es klar vom Tüfteln mit dem Material abgrenzen.

Einiges verspricht man sich vom Nachwuchs. Kein Wunder bei 30 Podestplätzen im Europacup und 7 Medaillen an der Junioren-WM im letzten Winter. Dies ist dreieinhalb Jahre vor der Heim-WM in St. Moritz ein Silberstreifen am Horizont. Der Verband ist aber gefragt, die Talente beim Übertritt zur Elite optimal zu unterstützen.

«Weiter als im letzten Jahr»

Die Schweizer Männer wurden in der letzten Saison von ihren Teamkolleginnen ganz klar in den Schatten gestellt. Lara Gut holte WM-Silber und im Weltcup gab es sechs Podestplätze. Hans Flatscher fordert in seinem zweiten Jahr als Chef-Trainer nun eine Steigerung.

«Wir sind weiter als im letzten Jahr, als ich diesen Job angetreten habe», sagt der Österreicher. Die einzige Verletzte aus der Nationalmannschaft ist derzeit Wendy Holdener. Die Technikerin, die sich bei einem Rollerunfall einen Armbruch zugezogen hat, sollte aber bald wieder einsatzbereit sein – vielleicht schon in drei Wochen beim ersten Saisonslalom in Levi.

Holdener stand in der letzten Saison für den Aufschwung in der Kummerdisziplin Slalom. In Ofterschwang fuhr sie als erste Schweizerin seit fast zehn Jahren aufs Podest. Ihre Vorgängerin war 2003 Flatschers heutige Ehefrau Sonja Nef. Dank Holdeners Exploit darf Flatscher verkünden: «Wir haben in allen Disziplinen den Anschluss an die Weltspitze wieder hergestellt und riechen deshalb den Braten.» Jetzt brauche es noch öfter den «Killer­instinkt», um aus günstigen Voraussetzungen Profit zu ziehen.

Im Riesenslalom heute Samstag heissen die Hoffnungsträgerinnen Lara Gut und Dominique Gisin. Nach zwei 4. Plätzen zu Saisonbeginn fuhr Gut im März als Dritte beim Weltcupfinal auf der Lenzerheide auf das «Riesen»-Podest. Gisin begann den letzten Winter mit einem 5. Platz in Sölden und fuhr danach ausser in Garmisch immer in die Punkte. Neben den beiden werden Fabienne Suter sowie die jungen Jasmina Suter und Rahel Kopp das erste Saisonrennen in Angriff nehmen.

Lara Gut ist zweifellos das Aushängeschild bei den Frauen. Sie sorgte in der letzten Saison für den einzigen Schweizer Weltcupsieg. Und wenn Flatscher verlauten lässt, er wolle in Sotschi ein Team mit Medaillenpo­ten­zial am Start haben, denkt er wohl primär an Gut. Die Tessinerin will sich vor ihren ersten olympischen Spielen aber nicht unter Druck setzen lassen. Sie musste schmerzlich erfahren, wie schnell der Olympiatraum platzen kann. 2010 in Vancouver fehlte sie wegen einer Hüftverletzung. Deshalb bleibt sie vorsichtig: «Man kann nicht alles steuern. Man weiss nie, was passiert.» Sotschi sei noch weit weg. (red/si)

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