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«Manchmal singe ich in der Migros»

Oper, Operette, Musical, Jazz und Hip-Hop. Die Sopranistin Mélanie Adami kann fast alles. Nur wie man übt, das wusste sie lange nicht. Jetzt müsse sie aufpassen, dass sie nicht immer weiter renne, sagt die junge Winterthurerin.

Die Opernsängerin Mélanie Adami ist vielseitig und kennt keine Berührungsängste. Im Musical «Space Dream» stand sie zwischen 2005 und 2011 ganze 260-mal auf der Bühne. Debütiert hatte sie bereits 2002 im Theater Luzern als Frasquita in Bizets Oper «Carmen», nach nur drei Jahren Studium. Weitere Rollen folgten, Oscar in «Un ballo in maschera» von Verdi und die Papagena in Mozarts «Zauberflöte». Mit dem Singen begann sie im Alter von 17 Jahren im Opernchor des Theaters St. Gallen. Da wäre sie noch nicht auf die Idee gekommen, professionelle Sängerin zu werden. Die Solisten in Gounods Oper «Faust», David Maze und Inva Mula, waren jedoch so von ihr angetan, dass sie ihr rieten, mit dem Gesangsunterricht zu beginnen. Mit Mula, die mit ihrer Puccini-Arie im Kinofilm «The Fifth Element» populär wurde, verbindet sie seither eine Freundschaft. Ausstrahlung und Bühnenpräsenz sind Adami von Natur aus eigen. Auf der Opern- und Operettenbühne kann sie sich am besten ausdrücken und sich, wie sie sagt, «total in eine Rolle hineinbegeben ». Drei Stunden lang das Publikum auf eine Reise mitnehmen, das gefalle ihr «wahnsinnig». Das Üben musste sie lernen Neben dem Singen ist Adami auch noch ihr eigener Manager. Wenn sie nach dem Üben oder Organisieren einkaufen geht, kann es sein, dass sie vergisst, wo sie sich befindet: «Manchmal singe ich laut in der Migros.» Vieles, was sieausprobiert, klappt auf Anhieb. Doch erstaunlich: Ausgerechnet das Üben musste sie zuerst lernen. Selbst noch im Studium habe sie eigentlich nicht gewusst, wie sie üben solle. An ihrem dreissigsten Geburtstag merkte sie, dass dahinter der überzogene Anspruch steckte, perfekt zu sein, und diese Einsicht brachte die Wende in puncto Üben. Die familiären Wurzeln von Mélanie Adami liegen in Winterthur und Wien. Bereits im Alter von vier Jahren begann sie Geige zu spielen: Man könnte sagen, die Musik war ihr in die Wiege gelegt. Allerdings nicht seitens der Eltern, die genetischen Ursprünge ihrer Musikalität reichen weiter zurück. Bereits die Urgrosseltern waren Musiker und die Grossmutter Edith Leibundgut war eine Winterthurer Geigerin. Ein Leben als professionelle Sängerin ist ohne Reisen nicht zu denken. Die Hin- und Rückreise zu den Auftrittsorten bewältigt Adami mit dem Auto. So, wenn sie, wie gerade jetzt, einen Monat lang in Rheinfelden in der Operette «Der Zigeunerbaron» auftritt. Oder Anfang 2015, wenn nicht weniger als dreissig Aufführungen der Operette «Die Fledermaus » anstehen, in der sie die Rosalinde singt. Dann fährt sie drei bis viermal pro Woche nach Arth im Kanton Schwyz. Rund 35 000 Kilometer legt sie im Jahr zurück. Hip-Hop und Rap-Battle Abgehobenes Spezialistentum ist Adami fremd. Hip-Hop zum Beispiel hat sie noch nie gemacht, kann es sich aber sehr gut vorstellen. Nach dem Ende des Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste, da war sie 24 Jahre alt, begann sie 2004 mit der Stimme zu experimentieren. 2007 folgte eine Show mit DJ Tatana im Zürcher Hauptbahnhof. Und zusammen mit der Berner Rapperin Steff La Cheffe lieferte sie sich im Stadttheater Bern ein rhythmisches Battle – mit Geflüster, Gesang und Beatboxen. Der jüngste Streich liegt drei Monate zurück. Zusammen mit ihrem Duopartner, dem Ustermer Pianisten Gino Todesco, hat Adami dreizehn «Evergreens» aufgenommen, Standards wie das melancholische «Cry Me a River» und eine wunderbar schwebende Version von «Summertime». Auch der Piaf-Hit «La vie en rose» ist darunter, allesamt nuancenreich und bis ins Detail ausgestaltet. Das Schöne am Zusammenspiel mit Todesco sei, dass sie mit ihm aus dem Moment heraus eine Geschichte erzählen könne, sagt Adami. «In einer Operette muss ich den Sound mit vollem Körpereinsatz produzieren. Dagegen ist Jazz für mich eine erholsame Abwechslung.» Adamis Arbeitstag dauert regelmässig bis 22 Uhr und ist ausgefüllt mit Üben und Studieren von Rollen und Texten, mit Proben und Aufführen, jeden Tag wieder anders. Zum Ausgleich meditiert sie und treibt Sport. Damit so ein Pensum möglich ist, braucht es ein Zusammenspiel von Körper und Geist, eine Balance von Geschehenlassen und Steuern. «Der Körper weiss selbst, was zu tun ist, aber der Kopf als Pilot möchte alles kontrollieren», sagt Adami. Und greift nach den vorgestellten Schaltern im Cockpit. Das ist kein zufälliger Einfall: Tatsächlich hätte sie sich auch vorstellen können, Pilotin zu werden. Nicht in der Zukunft leben Die Vielfalt hat ihren Preis: «Wer bin ich? Was will ich wirklich machen?» Solche Fragen beschäftigen die Künstlerin zurzeit. «Ich muss aufpassen, das ich jetztnicht immer weiter renne.» Über ihre Stärken und Schwächen weiss sie Bescheid: «Ich bin authentisch und spiele jede Rolle auf meine Weise.» Im Theater St. Gallen oder in der Zürcher Oper als Solistin auftreten, das wäre schon ein Ziel, das sie gerne erreichen würde. Oder einmal die Mimi singen in Puccinis «Bohème », wie ihre Freundin Inva Mula. Aber Adami will nicht in der Zukunft leben, sondern für alles offenbleiben. «Wichtig ist jeweils das, was ich gerade mache.» CD: Mélanie Adami & Gino Todesco: Evergreen. Erhältlich in Bennos Kulturtreff in Winterthur sowie über die Website: www.melanieadami.com.

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