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Manuel Liniger in der «Hölle Süd»

balingen. Seit dieser Saison erlebt der Winterthurer Manuel Liniger beim Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten eine besondere Dimension.

Nur anderthalb Autostunden von Winterthur entfernt, öffnet sich eine neue Handballwelt: Bundesliga statt Nationalliga A, eine ausverkaufte Halle statt ein paar Hundert Zuschauer. Erstklassige Spiele. «Hier geht es voll ab», sagt Manuel Liniger zur Stimmung in der Balinger Arena, im lokalen Jargon «Hölle Süd» genannt. «Erst recht, wenn das Publikum merkt, dass wir eine Chance haben.» Das war am Mittwoch gegen die Füchse Berlin der Fall.

Sie sind die «Gallier von der Alb», präsentieren sich auf Autogrammkarten kriegerisch sowie im Fellüberwurf und sie spielen auch so: unerschrocken, kampfstark, kompakt, unermüdlich. «Durch unsere Einheit machen wir Sachen wett, die andere Klubs mit ihrem Geld schon von Anfang an zur Verfügung haben», erklärt Manuel Liniger. Jüngstes Beispiel die 24. Runde der Bundesliga: Die Füchse Berlin, Champions-League-Achtelfinalisten, kamen mit allerlei Handballprominenz wie ­Silvio Heinevetter, Petr Stochl, Iker Romero, Börge Lund oder Konstantin Igropulo und verliessen Balingen mit nur einem Punkt. Klar war für den Zwölften gegen den Vierten der Bundesliga auch Glück dabei, aber verdient durch grosse Physis und noch grösseren Willen. Abstiegsgefahr ist immer weniger ein Thema. «Nächste Saison sind wir noch besser», sagt Liniger. «Dann können wir das Wort Abstieg vielleicht mal weglassen.»

Das Angewöhnen

Nach Wilhemshaven und Lemgo ist Balingen die dritte Bundesliga-Station von Manuel Liniger, dem 31-jährigen Winterthurer, der mit seinem Stammklub Pfadi dreimal Schweizer Meister wurde, dessen Wurfvarianten und Schnelligkeit immer wieder erstaunen und der an jedem Yellow-Cup zum attraktivsten Spieler gewählt werden könnte.

Doch in Balingen begann er irgendwie wieder von vorne. Das Team von Rolf Brack veranstaltete bisher kein «gewöhnliches» Spiel über die Linksaussenposition. Liniger aber ist einer, der Bälle verlangt. Der Trainer versucht, dem zu entsprechen. Zunächst lief das Angewöhnen ans Spielsystem harzig, dann gings konstant besser, ­worauf beide Seiten Ende Januar den Vertrag um ein Jahr verlängerten, «weil es hier passt», wie Liniger sagt.

Seit dem neuen Jahr allerdings fühlt er sich nicht mehr richtig im Spiel. «Im Moment bin ich am Zweifeln. So kann ich der Mannschaft nicht helfen», erklärt er. «Andererseits weiss ich auch, dass es nicht viel braucht, bis es wieder anhängt.»

Das lange Warten

Anfang August hatte ihm Rolf Brack telefoniert. Liniger reiste für Probetrainings nach Balingen und unterschrieb für ein Jahr. Zu jenem Zeitpunkt, erzählt der Winterthurer, wäre er «für jede Herausforderung bereit» gewesen. «Ich war so weit, dass ich relativ viel in Kauf genommen hätte. Bei einer einigermassen vernünftigen Lösung wäre ich auch in ein Land gegangen, wo man nicht viele Schweizer sieht …» Nach Osteuropa etwa. Seit dem Ende beim TBV Lemgo war er erfolglos auf Klubsuche, selbst in der Schweiz. Die kontaktierten NLA-Vereine (auch Pfadi) sagten bald ab. «Es kam nicht einmal so weit, übers Finanzielle zu sprechen», erinnert sich Liniger, der nicht einmal einen Profivertrag verlangt hätte. «Die Absagen haben mich überrascht und enttäuscht. Ich habe das Gefühl, ich hätte dem Schweizer Handball etwas gebracht. Aber wenn man etwas braucht, wird man links liegen gelassen. In anderen Ländern werden die Rückkehrer mit Handkuss empfangen.» Vielleicht, räumt er aber ein, habe er mit der Nationalliga A auch «zu lange gewartet, bis im Ausland etwas geht».

Trotz allem steht weiterhin im Plan, die Handballkarriere einst in der Schweiz zu beenden, zumal er gleichzeitig seine «berufliche Schiene aufgleisen will». Eine Banklehre hat er abgeschlossen, jetzt macht er in Deutschland ein Fernstudium zu Sportmanagement und Wirtschaft. Seit vier Monaten sind er und Ramona Eltern von Töchterchen Mila. Die Linigers wohnen in Heinstetten, einem Dorf auf 900 Meter auf der Schwäbischen Alb, rund 20 Minuten von Balingen, der Stadt mit 33 000 Einwohnern, entfernt. Das Leben in Baden-Württemberg gefällt ihnen gut.

Der Schlusswurf

Das Spiel gegen die Füchse Berlin lief nicht für Liniger, der an diesem Abend das Titelbild des Matchprogramms zierte. Mit einer Wadenverletzung am Wochenende aus dem Schweizer Nationalteam zurückgekehrt, stand er zwischen der 45. und 55. Minute im Einsatz und verwarf zweimal aus schwieriger Position. «Man hat gemerkt, dass er nicht fit ist», meinte Trainer Brack. «Ich hätte ihn besser nicht spielen lassen.» Das musste auch Liniger eingestehen, der kalt von der Bank aus aufs Feld ging. «Aber wichtig ist der Punkt, alles andere ist nicht relevant», betonte Liniger. Es war Balingens drittes Remis gegen die Füchse bei neun Niederlagen.

Und was alles geschah, bis es dazu kam, war doch sehr speziell. Drei Beispiele. In der 39. Minute griffen die Balinger mit Benjamin Herth, dem starken Regisseur, als zusätzlichem Feldspieler an. Sie liefen in einen Konter, Herth wechselte nicht rechtzeitig mit dem Torhüter, Brack schimpfte – ehe Herth im Tor den an sich guten Wurf von Iker Romero parierte und Kai Häfner, einer von drei deutschen Nationalspielern im Team, den Gegenstoss zum 20:20 verwertete – und die 2200 in der Halle tobten. Oder in der 54. Minute, mit sieben Feldspielern, Roland Schlingers Fliegertor zum 24:25-Anschluss. Und vor allem die Schlussphase. Die Balinger lagen 26:29 zurück. Mit offener Deckung kämpften sie sich zum 28:29 heran und erhielten fünf Sekunden vor Ende den Ball. Die Halle steht. Nach einem Freiwurf weit in der eigenen Hälfte passte Herth – wie vom Trainer geplant – zu Häfner, der aus gut zehn Metern an der Abwehr (mit dem ex Pfadi-Spieler Denis Spoljaric) und Heinevetter vorbei das 29:29 ins Tor wuchtete. Und dann war in der Halle – man verzeihe den Ausdruck – tatsächlich die Hölle los. «Oh, wie ist das schön», donnerten die Lautsprecher.

«Wirklich geil hier», schwärmte Liniger vom Publikum. «Das war Handball mit Herz», freute sich Brack über den Auftritt seiner Leute und ergänzte: «Leidenschaft, Emotionen, Stimmung. Das, was in der Schweiz fehlt.»

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