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Marionetten der Macht

PARIS. Ständig in Bewegung, aber unfähig, etwas zu bewegen: So agieren die Weltpolitiker laut dem Bestseller «Tage der Macht» des früheren Sarkozy-Ministers Bruno Le Maire.

Es war im November 2011 beim G-20-Gipfel in Cannes. Barack Obama, Hu Jintao, Dmitrij Medwedew und ihresgleichen waren an die Côte d’Azur gereist, um nach der Subprime-Krise eine neue Weltwirtschaftsordnung aus der Taufe zu heben, wie Gastgeber Nicolas Sarkozy vollmundig erklärt hatte. Zuerst nimmt er aber seine politische Partnerin Angela Merkel zur Seite. Eine Kosmetikerin pinselt ihm übers Gesicht. «Schminkst du dich, Nicolas?», fragt die deutsche Kanzlerin. «Immer, Angela!», antwortet der französische Präsident und präsentiert stolz seine persönliche Maquilleuse. Merkel bleibt skeptisch und erzählt, sie lege mehr Wert auf ihren Haarschnitt. «Er steht dir sehr gut», schmunzelt Sarkozy. Der Dolmetscher übersetzt ohne den ironischen Unterton, doch der Staatschef legt noch nach: «Du bist eben kokett, Angela.» Der Dolmetscher zögert verlegen. «Ja doch, kokett!», gluckst Sarkozy. «Glaubst du, deine Geschichte mit dem Décolleté sei mir entgangen? Ah, Angelas Décolleté – alle haben in Frankreich dar­über geredet!»

Die Szene stammt aus dem Buch «Jours de pouvoir» (Tage der Macht), in dem der frühere Agrarminister und Sarkozy-Vertraute Bruno Le Maire die Jahre 2010 bis 2012 aus dem innersten Zirkel der Pariser Machtzentrale beschreibt. Nach dem deutsch-französischen Tête-à-Tête in einem Hinterzimmer des G-20 geht das offizielle Programm weiter mit einer Rede des äthiopischen Premierministers Meles Zelawi über einen globalen Landwirtschaftsplan. Obama und José Manuel Barroso drücken ihre Unterstützung aus. Konkret beschlossen wird aber an jenem Abend nichts – weder neue Agrarhilfen für Afrika noch ein neues Weltwirtschaftssystem.

Ein allzu menschlicher Präsident

Sarkozy, der allzu menschliche Präsident, vermischt seit jeher die Grenzen zwischen Privatem und hoher Politik. Seine eigenen Interessen sind untrennbar mit denen der Nation verbunden. Le Maire, der wie der Staatschef der konservativen «Union für eine Volksbewegung» (UMP) angehört, beschreibt öfters, wie es dem Präsidenten im gold- und purpurverzierten Prunk des Elysée-Palastes zu eng wird. Einmal verlässt er kurzerhand das Elysée und packt seine engsten Berater in zwei Hubschrauber. Nach einem halbstündigen Flug landen die Super Pumas irgendwo in Frankreich auf einer schlammigen Wiese. Mit schmutzigen Lackschuhen sucht die Delegation das Ziel ihrer Mission auf: einen Bauernhof. Sarkozy, in den Umfragen immer mehr absackend, hat beschlossen, den Kontakt mit dem Volk wiederherzustellen, und geht mit ein paar Landwirten plaudern. Es nützte alles nichts: Zwei Jahre später, im Mai 2012, sollte Sarkozy trotzdem abgewählt werden. Doch das weiss der ruhelose Hansdampf während seiner Amtszeit noch nicht. New York, Ankara, Delhi, Davos – ständig ist er unterwegs in seinem Flugzeug. «Nicht schlecht, mein Büro?», fragt er Le Maire selbstgefällig, nachdem er seinen Minister in sein fliegendes Arbeitszimmer bestellt hat.

Le Maire hastet selbst zwischen internationalen Konferenzen rund um den Planeten, EU-Verhandlungen in Brüssel und Pariser Fernsehstudios hin und her. Anfang 2011 klettern die Agrarpreise hoch. «In der Morgensendung von Canal Plus erkläre ich, dass meine Regierung Massnahmen ergreifen würde, um die Weizenexporte einzuschränken, falls die Getreidepreise weiterhin so stark stiegen», schreibt Le Maire. «Die Märkte reagieren sofort: Der Preis der Tonne Weizen steigt von 245 auf 260 Euro.» Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise muss Le Maire einsehen, dass die Hektik der Sarkozy-Präsidentschaft eigentlich ein Leerlauf ist. «Die Regierungen halten die Fäden des Kapitalismus nicht mehr zusammen oder höchstens noch einen oder zwei», schreibt er. «Und wenn sie nicht achtgeben, werden sie morgen die Marionetten sein – in der Hand des Kapitalismus», schreibt Le Maire.

Die Stärke von «Tage der Macht» liegt darin, dass das 400-seitige Tagebuch – mit einem Erstdruck von 40 000 Exemplaren – das Politgeschäft nüchtern schildert; auch Sarkozy wird nicht als Karikatur, sondern sehr real geschildert, was den Effekt nur noch erhöht.

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