Zum Hauptinhalt springen

Massive Spannungen in Vietnam

Hanoi. Vietnams Behörden bemühen sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, einen von ihnen selbst vor einer Woche entfachten antichinesischen Brand zu löschen. Tausende von Polizisten in Uniform und in Zivil bevölkerten gestern die Strassen von Hanoi.

Per Megafon wurden Passanten aufgefordert, die Nähe der chinesischen Botschaft zu meiden. In Ho-Chi-Minh-Stadt ging die Polizei mit Schlagstöcken gegen einen kleinen Protest nahe der Kathedrale vor. Vietnams Sicherheitschef Hoang Kong Tu verkündete, ungefähr 1000 antichinesische Randalierer seien während der gewaltsamen Unruhen in 22 der 63 Provinzen Vietnams verhaftet worden.

Proteste ausser Kontrolle

Die Demonstrationen waren laut Di­plomaten ursprünglich von der kommunistischen Regierung in Hanoi organisiert worden, um gegen die Stationierung der chinesischen Ölplattform Haiyang Shiyou 981 in Gewässern nahe den umstrittenen Paracel-Inseln zu protestieren. Die Proteste gerieten ausser Kontrolle, nachdem sich auch Vietnams Regimekritiker anschlossen. Zwischen den beiden Nachbarländern kommt es seit ungefähr 1000 Jahren immer wieder zu Konflikten. Zwei Chinesen starben laut offiziellen Angaben bei den Krawallen gegen chinesische Fabriken in der vergangenen Woche. 100 Menschen wurde verletzt.

16 lebensgefährlich verwundete Chinesen wurden in einem gecharterten Flugzeug in die Heimat geflogen, deren 3000 aus Vietnam evakuiert. Viele Chinesen flüchteten bereits Mitte der vergangenen Woche über die Landesgrenze nach Kambodscha. Gestern erreichte zudem das erste von fünf chinesischen Schiffen das südostasiatische Land, um die restlichen Chinesen zu evakuieren. Unter ihnen befinden sich etwa 1000 Arbeiter, die in einer taiwanesischen Schuhfabrik ar­bei­te­ten. Ihre Löhne waren so niedrig und sie waren so reglementiert untergebracht, dass bald einmal der Verdacht entstand, es handle sich um Strafgefangene vom chinesischen Festland.

Die USA warnten Peking inzwischen davor, beim zunehmend aggressiveren Gerangel um das Südchinesische Meer die Lage weiter anzuheizen. Washington nannte die Stationierung der eine Milliarde US-Dollar teuren, nagelneuen Ölplattform, die laut südostasiatischen Diplomaten von 80 Schiffen begleitet wird, «provokativ». Die Einschätzung wird von Ländern wie Vietnam, den Philippinen und Malaysia geteilt. Ihre Diplomaten gehen davon aus, dass die Aktion während der Asientour von US-Präsident Barack Obama angeordnet wurde.

Kein Kompromiss in Sicht

Tatsächlich liegt die Bohrinsel gegenwärtig in einem Gebiet, in dem nur geringe Erdölvorkommen vermutet werden. Vietnam setzt etwa 30 eigene Schiffe bei dem gegenwärtigen Patt auf hoher See ein. «China machte deutlich, dass es keinen Anlass zum Kompromiss mit uns sieht», erklärte ein ranghoher südostasiatischer Diplomat, «und wir gehen seit dem Obama-Besuch davon aus, das die USA beim Thema Südchinesisches Meer nicht den Willen zu einer Konfrontation mit China besitzen.» Washington betrachtet die Region bislang als internationales Gewässer. China verlangt sogar Hoheit über Gebiete, die nur einen Steinwurf von der Küste Bruneis und des malaysischen Teils von Borneo entfernt liegen.

Risiko unterschätzt

Mit der Aktion Ölplattform gelang es Peking, die wahren Machtverhältnisse in Asien zu verdeutlichen. Aber beim Spiel mit dem Feuer unterschätzte China ganz offensichtlich das Risiko für seine Bürger in Vietnam – ganz so, wie Hanoi sich mit den von den Behörden minutiös organisierten Demonstrationen verpokerte.

Hilflos musste Hanoi zuschauen, wie mindestens 16 Fabriken und der Ruf, ein sicheres Land für Auslandinvestitionen zu sein, sich in dichten, schwarzen Rauch auflösten. Sogar die Philippinen, bislang Hauptleidtragende der chinesischen Territorialansprüche, sind nach den Krawallen besorgt. «Wir haben Streit mit der Regierung, nicht mit den Chinesen», mahnte eine Tageszeitung in Manila.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch