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Mathe-Professorin: «Ich bin eine Exotin»

Christine Riedtmann von der Universität Bern ist eine der wenigen Matheprofessorinnen in der Schweiz. Sie erzählt, was sie an Mathematik begeistert und weshalb es so schwierig ist, mehr Frauen in das Fach zu locken.

Frau Riedtmann, was fasziniert Sie an Mathematik? Christine Riedtmann: Ihre Absolutheit. Mathematiker bauen – häufig in Gruppen – grosse gedankliche Gebäude, in denen jeder Teil gesichert, also nachvollziehbar wahr ist. Und beim Bauen kommen zur Absolutheit auch Spieltrieb, Intuition und Sinn für Ästhetik hinzu. Das ist genial. Aber eben auch harte Arbeit. Wieso interessieren sich nur wenige Frauen für Mathematik? Es stimmt nicht mehr, dass in der Schweiz nur wenige Frauen an Mathematik interessiert sind. In den letzten Jahren lag der Frauenanteil bei den Studienanfängern an der Universität Bern bei immerhin rund 30 Prozent. Trotzdem trauen sich Frauen tendenziell in Mathe weniger zu. Wie könnte man sie gezielt für das Fach begeistern? Begeisterung zu entfachen, ist schwierig – sowohl bei jungen Frauen als auch bei jungen Männern. Wir haben in Bern versucht, einen Mathematikwettbewerb für Mittelschüler zu veranstalten. Doch nach dem zweiten Jahr mussten wir ihn einstellen, weil es kaum Teilnehmer gab. Auch in meinen Jahren im Vorstand der Schweizerischen Mathematischen Gesellschaft haben wir immer wieder Sachen probiert: Preise für die besten mathematischen Maturarbeiten, Vorträge für ein Laienpublikum, Interventionen in Mittelschulen. Zusammenfassend würde ich sagen, dass wir mit viel Aufwand wenig erreicht haben. Woran lag das? Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben kaum Musse, sie sind voll ausgelastet mit ihrem Schulprogramm, bei vielen kommen noch Nachhilfestunden hinzu, Sport- und Musikunterricht und andere Hobbys. Könnten mehr weibliche Vorbilder helfen, Frauen Mathematik näherzubringen? In Bern sind wir drei Frauen unter insgesamt zehn Dozenten. Wir zeigen damit, dass Platz ist für Frauen in der Mathematik. Allerdings sehen dies wohl nur jene Frauen, die sich schon für die Studienrichtung Mathematik entschieden haben. Haben Sie jemals als Matheprofessorin Vorurteile erlebt? Innerhalb der universitären Welt habe ich selber nie geschlechtsspezifischen Widerstand gespürt. Ich kenne jedoch Mathematikerinnen, die das anders erlebt haben. Ausserhalb dieser Welt bin ich eher eine Exotin. Dabei bin ich aber nicht sicher, ob ich als Mathematikerin oder als Professorin exotischer bin.

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