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Meinung der Redaktion: Marius HUber über Die Prima-IN­itia­ti­ve und den Gegenvorschlag Es wäre ein Hohn, die Grundstufe zu begraben

Selten sprachen die Fakten vor einer Abstimmung eine so klare Sprache wie vor der Abstimmung über die Prima-Initiative. Dennoch haben es Gegner und Befürworter fertiggebracht, mit einer verwirrenden Zahl an Argumenten den Blick fürs Wesentliche zu trüben. Man darf ihnen keinen bösen Willen unterstellen. Dass es so gekommen ist, hat seine Logik, denn am 25. November geht es darum, inwiefern der Kindergarten vom neuen Modell der Grundstufe abgelöst werden soll. Es geht darum, was das Beste für unsere Kinder ist. Es geht, auf gut Schweizerdeutsch, «ums Läbige».

Die Schule ist ein emotionales Thema und eines, bei dem fast jeder ein Experte ist. Wenn Erziehungsideale aufeinanderprallen und dann noch Partikularinteressen von Berufsgruppen hinzukommen, Detailfragen und Zahlenakrobatik, ist das Durcheinander programmiert. Deshalb sei das Wesentliche hier noch einmal gesagt: Die Grundstufe ist in langjährigen Schulversuchen in 27 Gemeinden erprobt und für gut befunden worden.

Das ist der ganz grosse Unterschied zu 2002, als das neue Modell als Teil der Schulreform an der Urne Schiffbruch erlitt. Damals bot die Grund- stufe noch Projektionsfläche für alle möglichen Ängste. Heute dagegen stellen nicht einmal ihre Gegner die positiven Ergebnisse der Schulversuche grundsätzlich in Frage. Wie könnten sie auch? Die beteiligten Schulen, Lehrer und Eltern waren fast durchs Band zufrieden. Keine Gemeinde hat den Versuch mit der Grundstufe vorzeitig abgebrochen. Im Gegenteil: Alle haben ihn verlängert, als sie Gelegenheit dazu bekamen.

Trotzdem gibt es ein entscheidendes Argument, das dagegen spricht, die Grundstufe im ganzen Kanton einzuführen, wie dies die Prima-In­itia­ti­ve fordert. Es geht dabei um die Frage, ob die Kinder wirklich von ihr profitieren. Zur Erinnerung: Die Idee hinter dem neuen Modell ist, dass Kinder im Alter zwischen 4 und 8 Jahren in ihrer Entwicklung sehr weit auseinander- liegen. Dass es also ein Unsinn ist, sie mit bürokratischer Blindheit nach Jahrgang zu Klassen zusammenzufassen und nach zwei Kindergartenjahren in die Schule zu schicken. Stattdessen sollen sie sich in altersdurchmischten Gruppen an die Schule herantasten können, jedes in seinem Tempo. Der Übergang vom spielerischen zum schulischen Lernen soll fliessend sein und auf den Entwicklungsstand der Kinder Rücksicht nehmen. Das ist es, was die Grund- stufe zu leisten verspricht.

Die Auswertung der Schulversuche hat gezeigt, dass dieser Ansatz durchaus Früchte trägt: Grundstufenkinder lernen schneller. Es hat sich allerdings noch etwas anderes gezeigt: Nach nur einem Schuljahr haben sie ihren Vorsprung auf die Kindergartenkinder wieder verloren. Der Grundstufe fehlt daher das eine Verkaufsargument, das es zwingend erscheinen lassen würde, sie sofort flächendeckend einzuführen. Dieser Mangel wiegt umso schwerer, als das neue Modell zusätzliche Kosten mit sich bringt: Um auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, braucht es oft zwei Lehrpersonen pro Klasse.

Der Umkehrschluss allerdings, dass man die Grundstufe deshalb ganz begraben müsse, wäre genauso falsch. Die Kritiker des neuen Modells begehen einen Denk- fehler, wenn sie für ein doppeltes Nein werben. Denn erstens sind die Erfahrungen aus den Schulversuchen viel zu positiv für einen solchen Schritt – man soll das Kind bekanntlich nicht mit dem Bade ausschütten. Zweitens gibt es eine Erklärung für das Phänomen, dass sich die Vorteile der Grundstufenkinder nach dem Schulübertritt abschleifen. Paradoxerweise haben die Grundstufengegner selbst dar­auf aufmerksam gemacht: Die Primarschule ist auf den herkömmlichen Kindergarten ausgerichtet. Der Grundstufe fehlt also (noch) eine passende Anschlusslösung. Das ist natürlich nicht optimal. Die Grundstufe deshalb aber fallen zu lassen, wäre etwa so logisch, als würde man auf Gutes verzichten, bloss weil man Besseres nicht haben kann.

Einzig der Gegenvorschlag zur In­itia­ti­ve krankt nicht daran, zu viel oder zu wenig zu wol- len. Er überlässt es den Gemeinden, das neue Modell einzuführen oder nicht. Das ist ein pragmatischer Ansatz. De facto läuft er dar­auf hinaus, dass der Versuch mit der Grundstufe auf weitere Gemeinden ausgedehnt wird. Jene, die nicht mit- machen, müssen sich nichts vorwerfen lassen, denn auch der Kindergarten ist alles andere als ein schlechtes Modell, sondern hat sich zuletzt stark weiterentwickelt. Erweist sich die Grundstufe dennoch als überlegen, wird sie sich durchsetzen, und die Schule wird sich über kurz oder lang daran anpassen. Kurz gesagt: Mit einem Ja zum Gegenvorschlag kann man nichts verlieren, aber einiges gewinnen.

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