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Mensch und Maschine

«Her»: In dieser grandios-be(d)rückenden Science-Fiction-Romanze von Spike Jonze verknallt sich Joaquín Phoenix in der Rolle des sensiblen Theodore in ein Computerbetriebssystem. Daran ist einzig und allein die sexy Stimme von Scarlett Johansson schuld.

Es wäre ein gewaltig unsensibler Kerl, der sich in diese Stimme nicht verliebte! Und ein Depp wäre er auch, liest ihm diese «Samantha», wie sie heisst, doch wirklich sämtliche seine Wünsche vom … Doch nein, beginnen wir von vorn. Da sitzt am Anfang von «Her» – rotes Hemd, hochtaillierte Cordhose, Schnauz, Strubbelfrisur, dicke Hornbrille – Joaquín Phoenix alias Theo­dore Twombly in einem Grossraumbüro. Er diktiert, wie alle anderen um ihn herum, Briefe in den Computer. Es sind persönliche Briefe, oft auch romantische, die in hübscher «Handschrift» ausgedruckt und dann per Post verschickt werden. Beziehungspflege mit Schmus «A very brave new world» beschwört Spike Jonze in einem neuen Film herauf. In Los Angeles der nahen Zukunft spielt «Her», gedreht wurde aber, abgesehen von den wenigen, erkennbar in der Stadt der Engel spielenden Szenen, in Schanghais In-Quartier Pudong. Theodore ist also ist ein «Ghostwriter». Er bedient seine Kunden zum Teil schon seit Jahren, kennt sich aus in ihren Beziehungen und findet die richtigen Worte auch in schwierigen Si­tua­tio­nen. Thodore weiss den Schmus zu bringen, wenn Schmus gebracht werden muss. Und man sitzt im Kinosessel und wünscht sich nichts sehnlicher, als selber mal einen solch rührenden Theo­dore-Twombley-Brief zu erhalten. Es ist köstlich altmodisch, wie Jonze in «Her» die rund um die Uhr von den Social Media bestimmte Gesellschaft der Zukunft emotional verortet! Privat nun aber haben Einfühlsamkeit und Sensibilität Theodore wenig genutzt. Seine Frau Catherine (Rooney Mara), die er seit früher Kindheit kennt, hat ihn vor einer Weile verlassen und verlangt nun die Scheidung. Theodore aber kann nicht loslassen. Er findet nicht heraus aus seinen Erinnerungen, aus seinem Tief und den wiederkehrenden Träumen, die von vergangenem Glück erzählen. Er versucht zwar, ab und zu sozial zu sein. Besucht seine Nachbarin Amy (Amy Adams), lässt sich auf ein Blind Date (Olivia Wild) ein. Doch Wirklichkeit und Menschen sind Theodore zu anstrengend und irgendwie auch suspekt. Lieber verlässt er sich auf Technik und Maschinen; auf Computer und Smartphone, mit denen sich nicht nur sein Beruf, sondern auch sein Privatleben durchaus angenehm gestalten lässt. Nach Feierabend checkt er seine privaten E-Mails und liest Nachrichten. Dann hört er Musik, geht in einem Computerspiel auf Exkursion auf einem fernen Planeten; selbst Theo­dores Libido kommt dank einschlägiger Sites nicht zu kurz. Dann installiert Theodore auf seinem Computer ein neues Operating System. Bloss ein paar wenige, persönliche Fragen muss Theodore beantworten, schon legt dieses los. «Hello, I’m here, my name is Samantha. How are you?» Wie gesagt: Es wäre höchst unsensibel, wer sich dieser Samantha beziehungsweise deren Stimme, die eben die wunderschöne rauchige, reife und sinnliche Stimme von Scarlett Johansson ist, verweigerte. Theodore, auf alle Fälle, lässt sich freudig erstaunt aufs Spiel mit Samantha ein. Und Samantha macht sich aufgrund der Daten, die sie im Computer findet, und anhand der Gespräche, die sie mit Theodore führt, ein genaues Bild von ihm. Sie kennt jetzt seine Vorlieben und Abneigungen, seine Schrullen und Komplexe, seine Stärken und Schwächen. Sie geht neugierig, geduldig, verständnis- und humorvoll auf Theodore ein, diskutiert, lacht und weint mit ihm. Und er nimmt sie mit in die Stadt. Geht mit ihr an den Strand. Macht mit ihr einen Ausflug in die Berge. Und lässt sie überall via Smartphone-Kamera seine Welt entdecken. Klug, verschmitzt, zehnfach um die Ecke gedacht und liebenswert spinnert kommt Spike Jonzes «Her» daher. Obwohl der Film ein SF-Movie ist und Kritik an der Technik- und Medienversessenheit der heutigen Gesellschaft übt, funktioniert er wie eine altmo­dische 40er-Jahre-Screwball-Comedy. Nahezu perfekt – und da bewegt sich «Her» auf schwindelerregend beunruhigende Abgründe zu – ist die Illusion der Begegnung von Mann und Frau, die er aufrechterhält. Die Wirklichkeit der Körper Sie ist es zum einen, weil sich in Joaquín Phoenix’ Mimik die gesamte, in solchen Si­tua­tio­nen anzutreffende Gefühlspalette spiegelt. Sie ist es zum ­andern, weil Samantha, die über eine hochkomplexe künstliche Intelligenz verfügt, sich durchaus menschlich verhält – und weil sie, wie gesagt, eben nicht mit einer Maschinenstimme, sondern mit der Stimme von Scarlett Johansson spricht. Dass ausgerechnet Samanthas fehlende Körperlichkeit und ihr unbedingter Hang zur Wahrheit der Beziehung der beiden zum Verhängnis werden. ist fatal und hoch ironisch. Es regt an, nachzudenken. Nicht nur über die Naivität, mit welcher wir im Internet unablässig Daten hinterlassen und Spuren legen, sondern auch über des Menschen mit jedem sozialen Computerprogramm, jedem neuen Gadget zunehmende Bereitschaft, seine Emotionalität losgelöst von jeder Körperwirklichkeit zu leben. Her Ab Donnerstag in den Kinos

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