Zum Hauptinhalt springen

Meringue im Park

ST. Gallen. Francisco Sierras Bilder sind nicht, was sie zu sein scheinen. Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt auch unnütze Teile des Manor-Preis-Trägers.

«Was kann Kunst und was darf ein Künstler?», fragt Francisco Sierra. Verblüffende Antworten gibt der Künstler in der Ausstellung «Avalon». Diese ist bis zum 2. Februar 2014 im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen. Die eigenwilligen, mit grosser Präzision gemalten Bilder des Manor-Kunstpreis-Trägers wirken auf den ersten Blick wie figurative Malerei einer vergangenen Epoche. Fotografisch genau hält Francisco Sierra, der in Chile geboren wurde und seit 27 Jahren in der Schweiz lebt, Alltagsgegenstände fest.

Jedes Ding, das der 36-Jährige malt, hat seine eigene Geschichte, zum Beispiel die Bonbonniere auf dem Bild «Death Mocking Waltz». «Ich hatte das Gefäss einst von meinem Schwager geschenkt bekommen und seither lag es in der Wohnung herum.» Den nutzlosen Dekorationsgegenstand machte Sierra zum Stillleben. In einem aufwendigen Setting füllte er die Bonbonniere mit Wasser und versenkte darin einen maskierten Totenschädel. Die eigentümliche Komposition hielt er mit Pinsel und Ölfarbe detailgetreu fest.

«Der Betrachter sieht auf den ersten Blick ein banales Glasgefäss, das in altmeisterlicher Qualität gemalt ist und aussieht wie eine Fotografie. Bei ge- nauerem Hinsehen ist man verwirrt, denn man sieht nicht das, was man erwartet», sagt Roland Wäspe, der Kurator der Ausstellung. Der Künstler interessiere sich sowohl für die Möglichkeiten der Malerei wie auch für die Fallgruben zeitgenössischer Fotografie. Elegant und mit viel Humor gelinge es ihm, seine surrealistischen Bildvorstellungen zu reflektieren.

Verstörende Botschaften

«Im Park» ist ein fotorealistisches Por- trät, für das die Frau des Künstlers Modell sass. Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Porträt des 19. Jahrhunderts aussieht, entpuppt sich bei ge- nauerem Betrachten als humorvolle, aber auch verstörende Botschaft des Künstlers. Die weisse Sitzgelegenheit, auf der die rothaarige Schönheit sitzt, sei eine Meringue, sagt der Künstler. Das Riesenmodell hatte Sierra in Meiringen, wo seine Frau als Geigerin einen Auftritt hatte, vor einer Bäckerei gesehen. «Die Meringue hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte sie unbedingt besitzen, und meine Frau hat eine für mich anfertigen lassen.»

Das «unnütze Teil» hat Sierra als Sitzgelegenheit für das Bild «Im Park» verwendet. Er verpasste ihm Skelett- arme und ein Hitler-Schnäuzchen. Im Vordergrund liegt ein Hello-Kitty-Tagebuch. Dieses trägt den Titel «Mein Kampf». Doch das sieht nur, wer wirklich ganz genau hinschaut. (sda)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch