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Merkzeichen einer Stadt

Auf einmal beginnen Marmor, Stein und Eisen zu sprechen. Herbert Pachmann stellt 111 Skulpturen im öffentlichen Raum der Stadt vor.

Pestalozzi wohnt an der Bahnhofstrasse 81, man hat ihn dort 1899 aufgestellt. Alfred Escher steht ein paar Schritte weiter an der Bahnhofstrasse. Huldrych Zwingli ist dann bei der Wasserkirche, Hans Waldmann beim Fraumünster. Welten trennen diese Männer. Es ist aber das Zürcher Promiquartett in Sachen Denkmäler. Wo ist aber die tapfere Zürcherin? Wo das sitzende Mädchen mit der Fischmaske. Und wo ist die Frau, die Wäsche aufhängt? Auch sie haben ihren Ort in der Stadt. Herbert Pachmann gibt hier den Überblick. Er stellt in seinem Buch «Zürcher Schaustücke» 111 Skulpturen im öffentlichen Raum vor. Es ist eine Einladung zum Spaziergang, der die Augen öffnet für das Naheliegende, aber auch Entfernte, Abgeschiedene in der Stadt. Denn die Schaustücke finden sich nicht nur im Zen­trum, sondern sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. «Wir gehen täglich an ihnen vorbei, werfen einen flüchtigen Blick darauf, oder lassen sie unbeachtet», schreibt Herbert Pachmann. Zuchtvolle Schönheit und Kunst für das Volk Wer sich allerdings für die Objekte interessiert und Informationen sucht, hat es schwer. So hat Pachmann, der in Dübendorf lebt und Pfarrer ist, auf eigene Faust Nachforschungen angestellt und Material zu den Schaustücken zusammengetragen. Das Ergebnis ist ein hübsches, voller Liebe zum Gegenstand geschriebenes Brevier, das eine subjektive Auswahl der Kunstszene Zürich outdoor in ihrer Vielfalt zeigt. In Zahlen: Rund 1300 Kunstwerke stehen in Zürich herum, etwa die Hälfte sind frei stehende Skulpturen, Plastiken oder Installationen. Jeder Kreis von 1 bis 12 ist also voll möbliert mit stehenden, sitzenden, liegenden, gehenden Menschen. Dazu gibt es grosse Giraffen. Grosse Scheiben. Ab­strakte Figuren. Oder auch etwas zum Thema «Lebensbaum und Mensch im Kampf gegen die ihm drohenden Gefahren». Jede Skulptur will uns etwas ­sagen. Herbert Pachmann leistet den Übersetzungsdienst. Auf diesem Weg beginnen Marmor, Stein und Eisen zu sprechen. Und auch ein bisschen Polyester ist dabei. Nummer eins der Schaustücke ist Hermann Hub­achers «Ganymed» am Bürkliplatz, eine Figur von «zuchtvoller Schönheit», Symbol auch der Zürcher Schwulenszene, wie es heisst. Nummer einhundertelf ist dann «Gespräch in Bewegung» von Kurt Laurenz Metzler an der Überlandstrasse 423, wirklich nichts Grossartiges, aber «Kunst fürs Volk», wie der Künstler sagt. Dazwischen kann man ganz verschiedene Wege gehen: von glänzend bis Schrott, von hochfahrend bis bieder. Kitsch ist natürlich auch darunter. Und man kann auch ganz für sich Entdeckungen machen. Zürcher Männer berühren ihre erste nackte Frau Oder sich die Frage stellen: War­um sind eigentlich die meisten Menschen, die da draussen stehen, nackt? Es werde erzählt, sagt der Autor, dass es in Zürich Männer gibt, für die «La Rivière» von Aristide Maillol am Talacker 41 «die erste nackte Frau im Leben war, die sie berührt haben». Weitere Kandidatinnen in dieser Hinsicht wären: das Mädchenpaar von Arthur Tigram Abeljanz am Basteiplatz, Aphrodite von Einar Utzon-Frank im Arboretum, die Stehende von Alfons Magg im Belvoirpark, viele andere Frauen mehr an diversen Adressen. Die Tapfere Zürcherin auf dem Lindenhof kann man sich aber beim besten Willen nicht ohne Helm und Rüstung vorstellen. Zwingli natürlich auch nicht. Bei Männern gingen eben manchen Männern die Nuditäten zu weit. «Anatomisch allzu schwellend modelliert» sei der «Geher» von Franz Fischer an der Föhrenstrasse monierten einige und zerstörten gleich eine erste Figur. Auch eine zweite Fassung fand unter den Oerliker Lehrern kein grosses Gefallen. Die Skulptur musste dann 1939 den Weg über die Weltausstellung in New York gehen, um später in Zürich bleiben zu können. Solche menschlich, allzumenschlichen Geschichten erzählt Herbert Pachmann in seinen «Schaustücken» und bringt uns damit Künstlerinnen und Künstler, die schon in Vergessenheit geraten sind, wieder nahe. Eine der berührendsten Geschichten spricht von Alis Guggenheim und ihrer «Frau» (1928): «Wenn ich an ihr vorbeigehe, ist mir, als wenn ich selber nackt in Schnee und Regen stehe», schrieb die Künstlerin. Sie hatte es in Zürich nicht leicht. «Für die Schweizer bin ich nur eine Jüdin. Für die Juden bin ich nur eine Kommunistin. Für die Kommunisten bin ich nur eine Künstlerin. Für die Künstler bin ich nur eine Frau. Für die Frauen nur ein Fräulein mit einem Kind (mir selber tut es leid, dass es nicht zwölfe sind)». Für eine solche Geschichte steht auch ihre Figur an der Badenerstrasse 65: ganz selbstbewusst für den Aufbruch in eine bessere Zeit. Um Rodins «Höllentor» beim Kunsthaus hat der Autor einen Bogen gemacht. Dafür ist der Engel am leeren Grab auf dem Friedhof Manegg drin. Und viele andere Engel mehr, die man sehen könnte, sähe man auf seinen Wegen hin. «L’Ange protecteur» von Niki de Saint Phalle in der Bahnhofhalle ist natürlich der goldigste. Gegen ihn haben Pestalozzi, Escher, Zwingli und Waldmann keinen Stich. Herbert Pachmann, Zürcher Schaustücke. 111 Skulpturen im öffentlichen Raum der Stadt, Books on Demand, 2014, 200 Seiten, Farbfotos, 69.90 Fr.

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