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Metamorphosen des Alltags

Mit einfachen Mitteln lässt sich der Alltag in eine Performance verwandeln. Besonders kunstvoll tun dies die Exponenten des Festivals «perform now!».

Wo offene Räume sind, kann man bauen. Schöne und nützliche Dinge wie Parkhäuser, Einkaufszentren, Luxuswohnungen, Turnhallen und Schulhäuser. In Räumen kann man sich natürlich auch aufhalten. Und man kann sie durchqueren. Den schattigen Raum unter dem neuen Pilzdach am Hauptbahnhof etwa. Oder die Marktgasse mit ihren vor- und zurückfliessenden Passantenströmen. Beides, das Sichaufhalten wie das Durchqueren, nähert sich bereits der Performance. Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung.

Wem das zu abgehoben erscheint, der mache einmal folgendes Experiment. Er beziehe einen Beobachterposten an einem belebten öffentlichen Platz und stelle die Sehschärfe so ein, dass er alles überblickt, ohne sich auf etwas Bestimmtes zu fokussieren. Als blicke er gedankenverloren ins Leere. Und dann versuche er sich vorzustellen, die Bewegungen der Passanten seien Teil einer Ballettaufführung. Das Resultat ist eine persönliche Ästhetisierung des Alltags, Christoph Schlingensief nannte es «lebende Skulpturen». Natürlich lässt sich auch aus diesem Spiel mit der Vorstellung wiederum Kunst herstellen. Mittels eines einfachen Kunstgriffs verwandelt etwa der kanadische Videokünstler Mark Lewis eine Strassenkreuzung in ein absurd-witziges Stück, das an die Filme von Jacques Tati erinnert: indem er den Film rückwärtslaufen lässt.

In ähnlicher Weise pflegte sich der exzentrische Pianist Glenn Gould die Umgebung erträglich zu machen, wenn er zum Beispiel in einem Restaurant sass: Indem er das Geschehen um ihn herum «dirigierte», es in eine Art Sinfonie verwandelte. Gut, etwas Grössenwahn braucht es schon dazu. Aber wer hat nicht ein wenig davon vorrätig in seinem geheimen Waffenlager?

Die Performance ist eine Kunstform, die eng mit dem Alltag verbunden ist. Der 1971 geborene Berner Performancekünstler San Keller verwandelt Räume, indem er sie ihren Zwecken entfremdet. «San Keller schläft für Sie an Ihrem Arbeitsplatz» hiess seine wohl bekannteste Aktion. Da rückte Keller mit dem Schlafsack an, um im Büro seines Auftraggebers zu übernachten. Am Festival «perform now!» sind am Samstag Videos zu sehen, die seit 2012 entstanden sind.

Festival «perform now!»

Das Festival, das seit 2009 alle zwei Jahre in Winterthur stattfindet, bringt am Wochenende nationale und internationale Performancekünstler ins Gaswerk. Vom Programm muss man sich überraschen lassen. Der Flyer und die Website des Veranstalters beschränken sich auf Namenslisten, widersprüchliche Medienmitteilungen von Festivalleiter Thomas Lang lassen den Schluss zu, dass hier ständig alles im Fluss ist. Parallel dazu findet in der Kunsthalle ein Symposium mit Workshops zum Thema Raum und Alltag statt.

Überraschen lassen kann man sich auch vom Italiener Werther Germondari und von den beiden Duos Art in Process und Kozek Hörlonski aus Österreich und Australien, die im öffentlichen Stadtraum Aktionen durchführen werden; «Gregor Samsa» ist ferner der Titel einer Fahrzeuginstallation beim Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten und auf dem Katharina-Sulzer-Platz. Zu den Arbeiten im öffentlichen Raum findet am Samstagnachmittag eine Führung statt.

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