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Mit einem Schulterzucken in den Selbstmord

zürich. Das Sogar Theater in Zürich bringt Ágota Kristófs berühmte Romantrilogie «Das grosse Heft», «Der Beweis» und «Die dritte Lüge» erstmals als Ganzes auf eine Bühne.

Lucas und Claus (Sebastian Krähenbühl und Oscar Sales Bingisser) sind Brüder, eineiige Zwillinge. «Bruder» nennt der Münchner Regisseur Johannes Rieder seine Bühnenfassung wohl, weil die anfängliche Gewissheit, es handle sich um zwei Menschen, im Laufe der beklemmenden szenischen Lesung schwindet. Am Schluss scheinen die anagrammatisch miteinander verbundenen Lucas und Claus ein und dieselbe Person zu sein.

Ágota Kristóf hat die Romantrilogie von 1986 bis 1991 geschrieben. 1935 in Ungarn geboren, flüchtete sie 1956 in die Schweiz. Bis zu ihrem Tod 2011 lebte sie in Neuenburg. Rieder fasst die drei Bände chronologisch zusammen. Im ersten Band «Das grosse Heft» (1986) bringt die Mutter die beiden Brüder während des Krieges zur Grossmutter, einer «Hexe» mit höchst unzimperlichen Umgangsformen. Hier wachsen sie auf, arrangieren sich mit der Misere, erziehen sich gemeinsam zu grausamer, skrupelloser Lebenstüchtigkeit und schreiben die beobachteten Wahrheiten in Aufsätzen nieder.

Endloses Leiden

Bingisser und Krähenbühl sitzen auf der kahlen Bühne auf Stühlen und lesen vor aus ihren Manuskripten (Raum: Beni Küng). Sie erzählen die grauenvollsten Vorkommnisse lakonisch, einvernehmlich, kühl lächelnd, distanziert und so, wie wenn sie in der Gegenwart spielten. Mit 15 Jahren trennen sich die Brüder. Claus überwindet den Eisernen Vorhang, flieht in den Westen, während Lucas in Ungarn bleibt. Er ist die Hauptfigur im zweiten Band der Trilogie. Im dritten dann treffen die Brüder nach 50-jähriger Trennung wieder aufeinander. Lucas besucht Claus. Dieser weiss, dass Lucas sein Bruder ist – und leugnet es radikal. Denn Lucas ist mehr als sein Bruder, er ist er selbst.

Das Leben habe keinen Sinn, sagt Claus am Schluss. Es sei nur «endloses Leiden». Als sich Lucas vor den Zug wirft, nimmt das Claus mit einem Schulterzucken zur Kenntnis: «Der Zug, eine gute Idee.» Auch er wird diesen Weg gehen. Er hat ja gelernt, alles, auch die letzte Wahrheit, ohne Pathos ins Auge zu fassen.

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