Winterthur

«Mit einer Fachhochschule für Ärzte liessen sich einige Probleme lösen»

Peter C. Meyer hat 10 Jahre lang das ZHAW-Departement Gesundheit geleitet. Im Interview fordert er den Abbau von Hierarchien in Spitälern und Arztpraxen.

Fordert eine Aufwertung der Gesundheitsberufe: Der ehemalige ZHAW-Departementsleiter Peter C. Meyer.

Fordert eine Aufwertung der Gesundheitsberufe: Der ehemalige ZHAW-Departementsleiter Peter C. Meyer. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Meyer*, wie wird ein ­Soziologe Direktor des Gesundheitsdepartements der ZHAW?
Peter C. Meyer: Auf Um­wegen. Ange­­fan­gen hat es eigentlich schon 1968 vor meinem Studiumin Zürich. Damals haben Freunde und ich die Jugendorganisation Speak-­out gegründet, um ob­dach­losen, psychisch angeschlagenen oder drogenabhängigen Ju­gend­lichen zu helfen. Einquartiert waren wir ab 1970 in Zürichs erstem autonomen Jugendzen­trum, dem Bun­ker beim Lindenhof – und personell und fachlich natürlich rasch überfordert. Als die psychiatrische Universitätsklinik die professionelle Anlaufstelle Drop-in grün­dete, war ich ebenfalls involviert. Aufgrund die­ser Erfahrungen forschte ich nach meinem Studium in den Gebieten der Sozialpsychiatrie über die Behandlung von Dro­gen­ab­hän­gigen und später zur psychosozialen Medizin, zum Beispiel dar­über, wie sich der soziale Status und Gesundheit aufein­ander auswirken. Grundsätzlich baue ich gerne Neues auf, so auch das Schweizerische Gesund­heits­ob­ser­vatorium Obsan in Neuenburg …

… und 2006 an der ZHAW das Departe­ment Gesundheit.
Auch hier bin ich mit dem Anspruch angetreten, die Forschung im Gesundheitsbereich voranzutreiben. Anfangs hatte der Aufbau der vier Bachelorstudien­gänge natürlich Priorität. Mit den Masterstudiengängen und der Gründung des Zen­trums für Gesundheitswissenschaften haben wir die Forschung aber ­gestärkt. Für den Hebammen-Master kämpfen wir derzeit noch für die Bewilligung und die nötigen finanziellen Mittel.

Warum braucht es einen ­Hebammen-Master?
Der Beruf der Hebamme ist ex­trem vielseitig und interessant. Heb­ammen sind ja nicht nur während der Geburt dabei, sondern vor allem auch bei der Vor- und Nach­­betreuung. Ob und wie die Betreuung nach der Geburt einen guten Start ins Familienleben ermöglicht und so nachhaltig Eltern und Kind hilft, ist beispielsweise eine spannende Forschungsfrage, auch um die Bedeutung dieses Beru­fes in der öffentlichen Wahrnehmung wieder zu stärken.

Hausgeburten gibt es in Winterthur praktisch keine mehr.
Schon, aber im Spital betreuen Heb­ammen die komplikationsfreien Geburten immer häufiger selbstständig. Die Nachfrage einer möglichst natürlichen ­Geburt gibt es. Insofern fände ich die Idee eines Geburtshauses auf dem KSW-Gelände, die kürzlich aufgeworfen wurde, sehr gut. Das Zürcher Stadtspital Triemli zeigt, dass ein solches Modell funktioniert. Nur: Vielerorts ist der Konflikt mit den Gynäkologen vorprogrammiert, die für den Facharzt­titel ebenfalls eine Mindestzahl an Geburten begleiten müssen.

Trotzdem, warum macht ein Master in einem Gesundheits­beruf überhaupt Sinn? Die wenigs­ten Physiotherapeuten wollen später in die Forschung.
Ja, aber sie haben sich mit wissenschaftlichen Studien auseinandergesetzt, kennen die Methodik und verstehen und verfolgen die neusten Trends in der Fachlite­ratur. Das ist entscheidend. Denn anders würden neue Ideen, Ansätze und Behandlungsmethoden oft gar nicht in die Spitäler und Privatpraxen gelangen.

Ein offizieller Strategiepfeiler ihres Departements heisst «Transformation». Wie sollen und müssen sich die Gesundheitsberufe künftig wandeln?
Der interdisziplinäre Austausch wird intensiver, im Interesse von Patient und Personal. Über die soge­nannte Advanced Practice wollen wir die Hierarchien zwischen Ärzten und Pflegenden abbauen. Masterabsolventen sollen in der ambulanten Grundversorgung, gerade in der Spitex, zunehmend auch Aufgaben übernehmen, die heute Hausärzte erledigen. Spitex-Pflegefachleute sind teilweise schon so gut qualifiziert, dass sie Leistungen selbstständig über die Krankenkassen abrechnen könnten, wie heute bereits die Hebammen.

Was würde das bringen?
Es würde die Gesundheitsberufe aufwerten und wieder attraktiver machen. Mit dem Ärztenetzwerk Wintimed haben wir ein solches Pilotprojekt bereits gestartet. Im KSW planen wir eine Weiterbildung für Pflegende in Spitälern zum «Physician Assistant». Entsprechend ausgebildete Pflegefachleute können von den Assistenzärzten die tägliche Visite, aber auch die Ausstellung von Rezepten und die Medikation übernehmen. In der KSW-Chirurgie ist dieses Modell heute schon umge­setzt, und es bewährt sich.

Sind weitere Schritte geplant?
Ziel ist es, möglichst selbststän­dige, gut qualifizierte und inter­pro­fessionell orientierte neue Gesundheitsberufe zu schaffen und die Ausbildung dafür zu institutionalisieren, ganz nach dem Vorbild der soge­nannten Health Universities, wie es sie bereits in Schweden gibt. Die Ausbildung sämtlicher Berufsgruppen findet dort gebündelt und in sehr enger Zusammenarbeit mit den Spitälern statt. Auch Ärzte könnten mit einem solchen Modell in Winterthur ausgebildet werden.

Ein Medizinstudium an einer Fachhochschule?
War­um nicht? Hier werden ja auch Archi­tekten, Ingenieure, Juristen und Psychologen ausgebildet. Ein Master in Humanmedizin wäre das richtige Mittel, um den Hausärztemangel zu beheben. Es ginge darum, Lücken in der Grundversorgung zu schliessen. Teure Spezialisten gibt es ­genug. Die Praxis würde schon während der Ausbildung gestärkt, und die Theorie ­käme nicht zu kurz. Einen Teil der Infrastruktur, Lehre und Forschung übernähmen die Spitäler, wodurch die Kosten pro Ausbildungsplatz an der «Winterthur Medical School» massiv senken würden.

So hiesse das neue Institut?
Noch ist es eine Vision und nichts konkret. Aber die KSW-Direktion ist von der Idee begeistert, und auch die kantonale Bildungsdirektion zeigt sich offen. Es wäre ein günstiges und bewährtes ­Modell, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, der sich mit den Verhandlungen um das Freizügigkeitsabkommen und einer alternden Gesellschaft weiter ver­schärfen wird. In Berlin-Brandenburg wurde 2014 eine New Medical School eröffnet.

Nimmt man mit FH-Ärzten keine Qualitätsabstriche in Kauf?
Nein, denn es geht primär um die Grundversorgung, vor allem um die Hausarztmedizin. Spezialisten und Chirurgen werden auch in Zukunft nicht an einer FH ausgebildet, sondern nur an den Universitäten. Inzwischen werben die Spitäler gar Assistenzärzte aus Ost­europa an, weil sich auch kaum deutsche Ärzte mehr rekrutieren lassen. Die Sprachhürden, die so entstehen, gefährden die Qualität der medizinischen Versorgung massgeblich. Aber wie stark mein Nachfolger das Projekt Winterthur Medical School pusht, überlasse ich ihm.

Ärzte ausbilden an Fachhochschulen, das wäre neu. Welche Veränderungen im Gesundheitswesen wirken sich noch auf die Ausbildung aus?
Der Trend zur Ambulatisierung. Aus Zeit- und Kostengründen wird immer häufiger ambulant statt stationär behandelt. Die Aufenthaltsdauer in den Spitälern wird immer kürzer. Leider sinkt dadurch auch die Anzahl der Spitalpraktikumsplätze für Studierende. Wir verhandeln daher mit privaten Praxen, wo ebenfalls ambulant behandelt wird.

Weitere Entwicklungen?
Sicher die demografischen Trends, es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen. Und auch die sogenannt chronisch-degenerativen Erkrankungen wie Wirbelsäulenschäden oder Arthrose nehmen zu und damit die Nachfrage nach qualifiziertem Gesundheitspersonal.

Das heisst, Ihr Departement,das Sie gerade abgeben, wächst.
Zwischen 2020 und 2024 wollen wir die Anzahl Studierende um 30 Prozent erhöhen. In unserem neuen Standort, der Halle 52 auf dem Sulzer-Areal, wäre Platz genug. Ob das Budget entsprechend erhöht wird, ist aber noch offen.

Sie wirken sehr agil. Was kommt nach der Pensionierung?
Am Thema New Medical School bleibe ich sicher dran. Im Oktober leite ich in Bayern einen Fachkongress dazu. Geplant ist auch ein Buchprojekt über Medikalisierung, dazu, dass immer mehr Phäno­mene als medizinische Pro­bleme definiert werden, Stichwort ADHS. Und meine fünf Enkel werde ich künftig sicher auch häufiger hüten.

Mehr zum Thema lesen Sie hier. (Landbote)

Erstellt: 27.04.2016, 09:30 Uhr

Zur Person

Peter C. Meyer (65) hat 2006–2016 das ZHAW-Departement Gesundheit mit seinen heute fünf Studiengängen aufgebaut und geleitet. Der Professor der Soziologie hat unter anderem zur Sozialpsychiatrie und psychosozialen Medizin geforscht.

Umfrage

Der abtretende Leiter des Departements Gesundheit der ZHAW schlägt einen Medizin-Master auf Fachhochschulniveau vor, um den Hausärztemangel zu bekämpfen. Finden Sie das eine gute Idee?

Ja, solche «New Medical Schools» bewähren sich bereits anderen Ländern.

 
34.9%

Nein, ein Abstrich bei der Qualität wäre intolerabel.

 
35.7%

Weiss nicht. Aber der Berufsstand der Hausärzte muss dringend gestärkt werden.

 
29.4%

126 Stimmen


Artikel zum Thema

Medizinstudium an der ZHAW gefordert

Winterthur Um den Hausärztemangel zu beheben fordert der Leiter des ZHAW-Gesundheitsdepartements den Ärztemaster auf Fachhochschulstufe. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!