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Mit offenen Ohren durch den Stadtpark

Bei schönem Wetter ist Martin Hartmann im Stadtpark unterwegs und verkauft Getränke aus seinem Wagen. So kommt der Sozialarbeiter mit den verschiedensten Menschen ins Gespräch.

Lächeln und verwunderte Blicke begleiten Martin Hartmann auf dem Weg durch die Altstadt zum Stadtpark: Sein Leiterwagen macht mit seinen Eisenreifen einen Heidenlärm auf den Granitplatten. Das rumpelige Holzgefährt trägt eine Kühlkiste gefüllt mit PET-Fläschchen, einer Biolimonade in drei Geschmacksrichtungen. Statt Markenlogos prangt der grüngelbe Schriftzug von Subita, Mobile Sozialarbeit auf dem Wagen. Ums Geschäft geht es hier nur nebenbei. «Wir suchten einen niederschwelligen Weg, mit den Menschen im Stadtpark, insbesondere den jungen, ins Gespräch zu kommen», sagt Hartmann. Die Idee scheint aufzugehen. Die regelmässigen Parkgäste kennen Hartmann inzwischen, nehmen sich Zeit für einen Schwatz. Sie akzeptieren auch, wenn er sich zu ihnen setzt, fassen Vertrauen. Dar­um geht es Subita: Menschen im öffentlichen Raum kennen zu lernen und Hilfe anzubieten – nicht erst wenn’s brennt. «An manchen Tagen gehts zu wie am Postschalter», sagt Hartmann. «Kaum hat einer seine Sorgen abgeladen, kommt der nächste und hat eine Frage.» Manche haben Ärger mit Ämtern, gesundheitliche Probleme, andere wollen Arbeit suchen. Manch einer muss einfach nur Frust abladen. Kein gradliniges Leben Einer, den Hartmann so kennen gelernt hat, ist Mark, genannt Mäge. Der Punk ist eine auffällige Erscheinung, Piercings in Gesicht und Ohren, Tattoos und eine schwarze Lederjacke mit Nieten. «Martin fiel mir auf, weil er öfter bei uns sass, aber nie mittrank», erinnert sich Mäge. Auf eine kollegenhafte Art sei der Kontakt verlaufen, auch als sich Hartmann als Sozialarbeiter vorstellte. Damals war Mäge grad an einem Tiefpunkt: Die Freundin hatte ihn auf die Strasse gestellt. Besonders gradlinig verlief sein Leben auch vorher nicht. Er nahm mit 14 das erste Mal Heroin, war sieben Jahre lang in Strafmassnahmen. «Da kommst du raus mit 22 und stehst vor dem Nichts. Inzwischen habe ich mich aber etwas aufgerappelt», sagt der heute 26-Jährige. Dank Subita hat er einen Teilzeitjob anfangen können: Er betreut an drei Morgen die Zwerggeissen in einem Altersheim und kümmert sich auf den Schachfeldern der Subita am Merkurplatz und am Graben um die Figuren. Er nimmt an einem Heroinprogramm teil, holt zweimal täglich seinen Schuss. Zum Stadtpark hat der vor vier Jahren von Bern nach Winterthur gezogene Punk ein ambivalentes Verhältnis. Er kennt hier fast jeden, von den Alkoholikern bis zu den Goa-Kids auf der Schulhausseite, mit denen er häufig zusammensitzt. «Es ist leider viel zu leicht, hier an Drogen zu kommen», sagt er. Er hat seit zwei Monaten eine cleane Freundin und hat seither dem Kokain abgeschworen. Im Sommer bevölkern neben den «Stammgästen» aber auch Scharen Jugendlicher, Familien und ältere Leute den Park. Zum Glück fast ohne Reibereien. Die Idee der Stadt, Parkwächter anzustellen, die als Ansprechpartner zum Rechten schauen, wurde aus Kostengründen verworfen. Dank den Rundgängen der Subita haben dennoch Fachleute offene Augen und Ohren in der Szene. Auch wenn, wie Hartmann betont, man nicht für Polizei oder andere Stellen arbeitet. «Nichts von dem, was uns die Menschen anvertrauen, geben wir an Dritte weiter. Das ist ganz wichtig.» Manchmal hilft nur schon ein Gespräch im richtigen Moment. Hartmann erzählt von einem Jungen, der herumrechnete, ob es sich mehr lohne, seine festgefahrene Lehre fertigzumachen oder lieber sein Geld in Drogen zu investieren und mit Gewinn zu verkaufen. Um in solchen Momenten präsent zu sein, braucht es Vertrauen und Glaubwürdigkeit. «Und die kann man nur durch Beziehungsarbeit aufbauen», sagt Hartmann. Das braucht Zeit. Er wird dar­um auch weiterhin von Frühling bis Spätherbst seine Runden im Stadtpark drehen.

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