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Mit Stil und Etikette

Bei Bekannten von mir in Berlin flatterten vergangene Woche bemerkenswerte Briefe ins Haus: Vom Maklerunternehmen «Stadt & Raum» kam der Hinweis, man wisse aus sicherer Quelle, dass in der Nachbarschaft demnächst eine Flüchtlingsunterkunft ein­gerichtet werde. Zitat aus dem Brief: «Wir wollen hier keinen einzigen Flüchtling diskriminieren, aber die Nachricht von Gewalttaten in Flüchtlingslagern, von Einbrüchen, Diebstählen und einfach der Nachbarschaft von vielen, vielen insbesondere jungen Männern, die nichts zu tun haben, weil unsere Behörden so langsam sind, diese Nachrichten gehen jeden Tag durch die Presse, und als neutrale Beobachter des Marktes – das sind wir Makler sicher – wissen wir einfach, dass sich die Wohnungspreise in der Nachbarschaft solcher Grosseinrichtungen im Nu halbier en.» Man solle also, so der anschliessende Ratschlag des «neutralen Beobachters des Marktes», das eigene Grundstück möglichst jetzt noch verkaufen.

Der Brechreiz stellt sich schon beim ersten Mal ein, aber man muss es trotzdem zweimal lesen, um es wirklich glauben zu können. So lässt sich also mit dem Elend der Menschen Kasse machen: wenn nicht direkt bei den Flüchtlingen selbst, dann doch wenigstens indirekt bei denen, die Angst vor ihnen haben. Der Makler, der hier das grosse Geschäft wittert, scheint mir von derselben Sorte zu sein wie jene Schlepperbanden am anderen Ende des Fluchtwegs, die den Verzweifelten in ihrer Angst noch das letzte Geld abnehmen.

Dabei ist die Beteuerung des Maklers, er wolle hier keinen einzigen Flüchtling diskriminieren, nicht mal gelogen: Tatsächlich, nicht ein einziger Flüchtling wird hier diskriminiert, sondern gleich alle zusammen. Die Angstmache funktioniert so auch viel einfacher. Und selbst wenn man es nicht schaffen sollte, auf diese Art billig zu ein paar Luxusimmobilien zu kommen, dann kann man ja vielleicht später den Flüchtlingen jene Drecklöcher verhökern, die man sonst nicht loswird. Wie das geht, hat man bei uns ja offenbar auch schon raus, wie kürzlich in der Zeitung zu lesen war.

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