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Mit Tomaten vielleicht die Welt retten

Das Festival «Filme für die Erde» möchte das Interesse für den Eigenanbau von Lebensmitteln wecken. Am nächsten Freitag werden in 14 Schweizer Städten gleichzeitig Filme gezeigt. Organisiert wird das Festival von einem Winterthurer Verein.

Stadtbewohner, die ihren eigenen Salat und ihr eigenes Gemüse anbauen – sie dürften in Winterthur kaum eine Seltenheit sein. Wenn der Verein Filme für die Erde trotzdem das Urban Farming zum Thema macht, dann liegt der Verdacht nahe, dass damit eine Life-stylemode bedient wird, die gute Gefühle verschafft, aber keine Probleme löst.«Bei der Nachhaltigkeit geht es ja gerade um unseren Lifestyle», kontert der 40-jährige Geschäftsführer Kai Pulfer im Gespräch. Pulfer ist überzeugt, dass man zuerst die Denkweise der Leute verändern muss. Er selbst wurde entscheidend geprägt durch den Al-Gore-Film «Eine unbequeme Wahrheit», mit dem der ehemalige amerikanische Vizepräsident 2006 um die Welt jettete.

«Politik interessiert mich nicht»

Im Jahr darauf hat Pulfer den Verein Filme für die Erde gegründet, zusammen mit dem Winterthurer Immobilienhändler und Gemeinderat Michael Zeugin, der sich als Vereinspräsident um Finanzen und Organisationsentwicklung kümmert. Der Verein verfügt heute in der Schweiz und in Deutschland über 172 Mitglieder, das Kernteam besteht aus vier Personen, die sich 250 Stellenprozente teilen.Im Unterschied zu Zeugin, der als Fraktionspräsident der Grünliberalen Partei oft im Rampenlicht steht, sagt Pulfer: «Politik interessiert mich nicht.» Er, der selbst ein leidenschaftlicher Autodidakt ist, glaubt vielmehr daran, dass man mit Bildung etwas erreichen kann: «Wichtig ist mir, den Menschen Wissen weiterzugeben.»

Al Gore als Auslöser

Der Gang der Bürogemeinschaft an der Steinberggasse, wo der Verein zwei Räume belegt, dient zurzeit als Lagerraum. Schachteln mit Prospekten und DVDs stehen bereit für den Versand. Am nächsten Freitag werden in 14 Schweizer Städten gleichzeitig Filme gezeigt. Auch im Theater Winterthur gibt es vier öffentliche Aufführungen, und das Theaterfoyer wird zur Messehalle für lokale Nachhaltigkeitsprojekte.Begonnen hat Pulfer 2007 mit der kostenlosen Vorführung des Al-Gore-Films. Bald merkte er, dass es auf dem Feld des Umweltbewusstseins mehr als nur diesen einen Film gab. Heute betreibt der Verein eine Webseite mit dem grössten deutschsprachigen Verzeichnis an Filmen zum Thema ökologische Nachhaltigkeit. Hunderttausend Besucher habe die Seite pro Jahr, sagt Pulfer.Seit 2008 ist die Swisscom Hauptsponsor, das Filmangebot ist auf der Webseite von Swisscom TV aufgeschaltet. Auch Hunderten von Schulen wurden gratis Filme und Unterrichtsmaterialien zur Verfügung gestellt. Zudem ist der Verein von der Unesco als Umweltbildungsinitiative anerkannt.

Vorbild USA

Die Bewegung des Urban Farming nahm ihren Ursprung in den USA. Der Trailer zum amerikanischen Film «Growing Cities» zeigt lauter zufriedene Menschen, die sich als Kleinbauern betätigen, auf Hausdächern, am Stadtrand und zwischen Wolkenkratzern; in Beschreibungen zum Film taucht häufig der Begriff «Empowering» auf, was so viel bedeutet wie «Ermächtigung». Es geht, so könnte man es frei übersetzen, um das Gefühl, die Sache selbst in die Hand nehmen zu können. «Wir wollen einen neuen Bezug zur Natur schaffen, indem wir einen Teil der Nahrung selbst herstellen.»Was bringt dieser Film an Erkenntniswert für die Schweiz, deren Städte nicht die Dimensionen der amerikanischen haben? Darüber diskutieren vor dem Film der Zürcher «Guerilla-Gärtner» Maurice Maggi und Tilla Künzli vom Verein Urban Agriculture Netz Basel, der über vierzig Projekte betreut.

Die Lust am Gärtnern wecken

Ob es nun um ein grosses Vorzeigeprojekt geht oder nur um Balkontomaten: Verglichen mit dem täglichen Bedarf sind die erzeugten Mengen jetzt noch gering. Das schreckt die Mitarbeiter des Vereins nicht ab. In Havanna würden bereits fünfzig Prozent des eigenen Bedarfs in der Stadt angebaut, sagt Pulfer. «Jede Pflanze ist ein Gewinn, denn es geht darum, bei den Leuten die Lust zu wecken, selbst etwas anzupflanzen», meint die Kommunikationsfachfrau Cristina Roduner, die für den Verein die Medienarbeit macht.Die ausgebildete Buchhändlerin und PR-Fachfrau arbeitet seit April für den Verein, daneben gibt sie Kurse für vegane Küche an der Migros-Klubschule. Sie lebt in einem ehemaligen Bauernhaus mit hundert Quadratmetern Umschwung, auf dem auch Obstbäume stehen. «Man muss klein anfangen. Wer auf dem Fenstersims oder dem Balkon Gemüse gezogen hat, gründet vielleicht später mit anderen einen Gemeinschaftsgarten.» Nicht zuletzt könne damit auch die Vielfalt gefördert werden. «Als Städter haben wir den Bezug zur Natur verloren», sagt Pulfer. «Wenn wir das eigene Tomatenpflänzlein wachsen sehen, können wir den Kreislauf des Lebens miterleben.»

Die Probleme anpacken

Der Arte-Film «Sand Wars» (Krieg um den Sand) beschäftigt sich mit dem steigenden Bedarf an Sand, für den weltweit die Sandstrände und Meeresböden abgebaggert werden. Hier tickt eine weitere Umwelt-Zeitbombe. Denn Sand ist überall drin, selbst da, wo man ihn nicht erwarten würde: In Zahnpasta, Reinigungsmitteln, Kosmetika und elektronischen Geräten. Und natürlich in Häusern aus Beton. Gezeigt wird auch «Das Geheimnis der Bäume» von Luc Jacquet, mit der Stimme von Bruno Ganz.Wie gross ist die Chance, dass die Menschheit die Probleme in den Griff bekommt? «Man muss mit gutem Bespiel vorangehen», ist Roduner überzeugt. Und Pulfer meint: «Ich würde das auch machen, wenn ich nicht daran glauben würde. Denn wir haben keine andere Wahl als anzupacken. Ob wir es schaffen, weiss ich nicht.Festival Filme für die Erde: ­Freitag, 19. 9., Theater Winterthur. Filmstarts: Um 12 Uhr (Sand Wars, Lunchkino), 16 Uhr (Das Geheimnis der Bäume), 18 Uhr (Sand Wars) und 20.15 Uhr (Growing Cities). Eintritt frei, ausser beim Lunchkino. Kollekte.

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