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Mörder belastet Ex-Präsidenten

kiew. General Pukatsch, der Mörder des Journalisten Georgi Gongadse, wurde in Kiew zu lebenslanger Haft verurteilt. ­Dieser sieht sich jedoch nur als Handlanger, Auftraggeber sei der ehemalige Präsident ­Leonid Kutschma gewesen.

Ein Kiewer Bezirksgericht hat den ehemaligen Polizeigeneral Alexej Pukatsch wegen Mordes am Journalisten Georgi Gongadse zur lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Er war im Sommer 2009 in einem Dorf bei Schitomir festgenommen worden und verbrachte drei Jahre im Sondergefängnis des ­ukrainischen Geheimdienstes. Dies in Einzelhaft, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Auch der Gerichtsprozess verlief hinter verschlossenen Türen.

Die Richter sehen die Schuld des Generals als erwiesen an. Er gestand, Gongadse am 17. September 2000 mit Hilfe seiner Mitarbeiter entführt, in einen Wald gebracht und dort mit einem Hosenriemen erdrosselt zu haben. Den Tod des Journalisten bezeichnete er als «Unfall». Er habe ihn nicht töten, sondern ihm nur «Angst machen wollen». Der Riemen rutschte aber, so dass ein Halswirbel brach. Auf die Frage des Richters, ob er den Urteilsspruch verstehe, antwortete Pukatsch, er würde ihn verstehen, «wenn Kutschma und Litwin neben mir in diesem Käfig sitzen würden». Der frühere General betrachtet den damaligen Präsidenten Leonid Kutschma und dessen Präsidialamtschef und späteren Parlamentsvorsitzenden Wladimir Litwin als die Hintermänner des Mordes.

Berichte über diese Mordaffäre lesen sich heute wie ein grotesker Kriminalroman. Ende November 2000 legte der ukrainische Sozialistenführer Alex­ander Moros dem Parlament sogenannte «Melnitschenko-Aufnahmen» vor. Major Nikolai Melnitschenko vom Wachdienst des Präsidenten will Gespräche zwischen Kutschma, dem Innenminister, Generalstaatsanwalt und Geheimdienstchef mitgeschnitten haben. An einer Stelle sagt Kutschma dem Innenminister Juri Krawtschenko, er soll «mit diesem Georgier, dem Journalisten, klaren Tisch machen». Melnitschenkos Aufnahmen, die er mit einem Digitalrekorder vorgenommen hatte, wurden von den Ermittlern als Beweise zurückgewiesen. Erstens seien sie auf «illegalem Wege» beschafft worden und zweitens lasse es sich anders als bei einem Band nicht feststellen, ob es Schnittstellen gebe.

Innenminister erschossen

Dann wurde eine enthauptete männliche Leiche im Wald gefunden, die als Gongadse identifiziert wurde. Später fanden sich auch Teile des abgeschnittenen Kopfes – in einem anderen Wald. Den früheren Innenminister Kraw­tschenko, der sich in einem Landhaus bei Kiew versteckte, fand man mit Kugeln im Kopf. Zwar war damals von Selbstmord die Rede, mit grösserer Wahrscheinlichkeit wurde er aber als unliebsamer Zeuge beseitigt. Man hätte von ihm über die Auftraggeber des Mordes und über die Rolle von heute noch aktiven ukrainischen Politikern in dieser Affäre eine Menge Wissenswertes erfahren können. Es gibt keinen Zweifel an der Schuld des Generals ­Pukatsch, der sagte, er habe Gongadse als amerikanischen Spion verdächtigt. Pukatsch war bei der Polizei für die Observierung Tatverdächtiger zuständig und hatte mit Spionen nichts zu tun. Sein Motiv, er habe sich dem Präsidenten zuliebe hervortun wollen, klingt ­alles andere als überzeugend.

Die Hinterbliebenen des Journalisten wollen Berufung einlegen und eine Fortsetzung der Ermittlungen gegen mutmassliche Hintermänner fordern. Der Politologe Wladimir Fessenko vom Zen­trum für angewandte politische Forschung Penta sagt indes, die Schuld der Auftraggeber werde sich praktisch nicht nachweisen lassen. Der Kronzeuge Krawtschenko lebe nicht mehr. Auch sei Kutschmas Forderung, «mit dem Journalisten klaren Tisch zu machen», kein schlüssiger Beweis. Sie könne alles Mögliche, nur keinen Mordbefehl bedeuten. Kutschma sei schliesslich ein gewiefter Apparatschik. Laut Fessenko könnte dieses Thema wieder aktuell werden, aber erst nach einem möglichen Machtwechsel in der Ukraine in zwei Jahren. Sein Kollege Andrej Okara glaubt, dass der Fall der früheren Regierungschefin Julia Timoschenko, der neuerdings wegen eines angeblichen Mordauftrages zur Beseitigung eines Unternehmers auch lebenslänglich droht, interessiere die Ukrainer viel mehr als der Fall Gongadse. Beide haben allerdings eines gemeinsam. ­Darin werden kriminelle Tatbestände politisch missbraucht. Vielleicht wird auch der Fall Gongadse einmal wieder aufgerollt, wenn er sich für aktuelle politische Zwecke neu aufkochen lässt.

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