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Morddrohungen wegen des kleinen Unterschieds

Ein Aufschrei ging durch die Schweiz, erreichte gar das angrenzende Ausland, als die kleine Stadt Wädenswil ihre Gemeindeordnung revidierte. Der Gemeinderat hatte 1993 mit grosser Mehrheit beschlossen, im Gesetzestext ausschliesslich weibliche Formen zu verwenden. Ein vorangestellter Satz, eine Präambel, machte klar: Die Männer sind mitgemeint.

Ausgeheckt hatte die Idee die SP-Frau Julia Gerber Rüegg. Die heutige Kantonsrätin war damals Gemeinderätin in Wädenswil. Die Revision der Gemeindeordnung dauerte über ein Jahr, die geschlechtergerechte Formulierung war eines von mehreren Zielen. «Die Stadt sollte Frauen ansprechen, Verantwortung in der Politik zu übernehmen.» In Zusammenarbeit mit dem Kanton erar­bei­te­te Wädenswil eine «Muster-Gemeindeordnung» mit Vorbildfunktion für die ganze Schweiz. Gerber Rüegg bevorzugte die Variante mit weiblichen und männlichen Formen. Kurz vor der Debatte erfuhr sie, dass diese zu scheitern drohte zulasten der Präambel­lösung («Die Frauen sind in den männlichen Formen mitgemeint»). Sie sagte sich: «Wir kehren es um und verwenden nur weibliche Bezeichnungen.» Die Idee kam der jungen Mutter bezeichnenderweise, als sie ihren Sohn wickelte. In einer Mischung aus Wagemut und Überdruss wegen der harzigen Diskussion nahm das Wädenswiler Parlament ihren Vorschlag überraschend an. Dagegen sei nur die SVP gewesen, erzählt Gerber Rüegg.

Die Reaktionen brandeten wie eine Welle über die Politikerin hinweg. Von Morddrohungen über Anrufe mitten in der Nacht erhielt sie alles – sogar Kritik aus den eigenen Reihen: «Linke Frauen sagten, ich schade der Sache nur.» Die Idee bringt Gerber Rüegg jedenfalls bis heute weltweite Publicity ein: 2002 reiste ein japanischer Linguistikprofessor wegen ihr in die Schweiz. 2010 berichtete ein russisches TV-Team fasziniert aus ihrem Haus in Wädenswil-Au von der Rollenteilung, die sie zusammen mit ihrem Mann praktiziert.

Riesenschlappe an der Urne

Die weibliche Gemeindeordnung erlitt an der Urne erwartungsgemäss eine Riesenschlappe. PR-Frau Gerber Rüegg wusste das Ergebnis jedoch umzudeuten: «Das Stimmvolk akzeptiert nicht mehr, nur ein Geschlecht anzusprechen.» 1994 hiess es dann eine Gemeindeordnung gut, in der sowohl weibliche als auch männliche Bezeichnungen verwendet werden. (sa)

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