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Musikdramatik am offenen Grab

Franz Schubert hat viel Fragmentarisches hinterlassen. Die Konzerte mit Ton Koopman machen mit dem religiösen Drama «Lazarus» bekannt.

«Lazarus oder: Die Feier der Auferstehung» lautet der Titel des von Franz Schubert um 1820 in Angriff genommenen «religiösen Dramas in 3 Handlungen». Komponiert hat er wohl – und gerade dies gehört mit zur Faszination des Fragments – die Auferstehung nicht. Das Werk blieb liegen und wurde erst 1859 im Nachlass entdeckt und in Wien uraufgeführt. Nun ist es im Rahmen der Abonnementskonzerte erstmals in der Tonhalle Zürich zu hören, zum letzten Mal heute Abend. Ton Koopman, der Enzyklopädist unter den Barockspezialisten mit Gesamtaufnahmen aller Bach-Kantaten und sämtlichen Werken von Buxtehude (30 CDs) im Gepäck, hat Schuberts Werk zusammen mit der Bach-Kantate BWV 21 «Ich hatte viel Bekümmernis» aufs Programm gesetzt. Das bedeutet auch eine Annäherung an «Lazarus» weniger vonseiten romantischer Offenheit als von kirchenmusikalischer Tradition her – dies auch im Hinblick auf die Besetzung: das Orchester mit Hörnern, Posaunen und dem Kontrabassbogen der Barockzeit, helle, wenig körperhafte Gesangssolisten und die allerdings in allen Stillagen bestens beschlagene Zürcher Sing-Akademie. Wege zur grossen Sinfonie Ob Schubert «Lazarus» als Oratorium oder gar mit szenischen Vorstellungen komponierte, ist nicht zu entscheiden, zu hören aber ist, dass er in dieser Zeit des Aufbruchs auch sein instrumentales Vokabular in die romantische Sphäre führt und die grosse Sinfonie erahnen lässt – in der liedhaften Melodik, in der harmonisch verdichteten Dramatik, im verheissungsvollen Hörnerklang oder wenn er zum Beispiel in der Schilderung des Sterbens («Die atemlose Brust mit jedem Hauch ein neuer Dolch durchdringt») die Posaunen Abgründe öffnen lässt. Effektvoll konfrontiert das Werk gegensätzliche Charaktere mit dem sterbenden Lazarus (Andreas Weller), der seinem Ende ruhig entgegengeht, mit Freund Nathanael (Tilman Lichdi), der ihm nacheifern will und sich zu begeistertem C-Dur aufschwingt; mit Jemina (Gunta Smirnova), die von Flöten begleitet ihr Erlebnis als «Tochter der Auferstehung» besingt; mit den beiden Schwestern, von denen Maria (Hana Blazikova) Zuversicht verströmt (die Hörner!) und Martha (Amalia Montero) am Grab von Wahnsinnsbegeisterung («Ich will ihm folgen durch alle Sternenbahnen») fortgerissen wird. Der Zerrissene Da wird deutlich, wenn von den Interpreten auch nicht ganz eingelöst, dass Schubert Figuren vom Kaliber einer beethovenschen Leonore und eines Florestan im Hintergrund hatte. «Opernhaft» mit allen Fasern gestaltet Klaus Mertens nach einer auch szenisch empfundenen Orchestereinleitung den Auftritt des Sadduzäers Simon, dieses verlorenen, zerrissenen Menschen, dem aller Glaube abhandengekommen ist und der am offenen Grab für Lazarus in düsterer Dramatik seine «Vernichtung» imaginiert. – Wie ein dritter Teil das alles hätte weiterführen sollen, lässt sich kaum vorstellen, das Autograf bricht in der Arie der Martha ab, mit der Wiederholung des Bittchors aus dem Teil setzt die Sing-Akademie sehr schön den behelfsmässigen, aber starken Schlusspunkt. Viel Bekümmernis Dass Koopman dem rund einstündigen «Lazarus» die Kantate BWV 21 voransetzt, ist nicht nur ihrer Bekanntheit geschuldet, sondern auch vom Inhaltlichen her zu begreifen. Die Mitwirkung der Posaunen – hier im feierlichen Choral – ist ein weiterer Anknüpfungspunkt. Das vielfältige musikalische Geschehen, das sich zwischen den Seufzermotiven der Verzagtheit und der Siegesgewissheit des Glaubens mit Pauken und Trompeten spannt, erfährt eine differenzierte, dynamisch etwas gleichförmig akzentuierte Darstellung. Zum Beispiel lag in der «Bekümmernis» für nicht ganz barocke Ohren vielleicht etwas gar viel «küm-» und zu wenig «-mer-nis». Herbert Büttiker

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