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«Muss ich etwas erreichen wollen?»

Der in Zollikon wohnhafte Bündner Schriftsteller Reto Hänny hat seinen eigenen «Ulysses» geschrieben – über 140 Seiten ohne Punkt. Der Autor, der 1980 während der Zürcher Jugendunruhen inhaftiert worden war, lässt sich immer wieder auf Risiken ein.

Ende Februar haben Sie im Literaturhaus in Zürich Ihr neues Buch vorgestellt, «Blooms Schatten». Die Räumlichkeiten reichten nicht aus für alle Interessierten. Wussten Sie, dass Sie so berühmt sind?

Reto Hänny: Ich und berühmt? (lacht) Der Ansturm hat mich schon überrascht. Einige dachten, dass ich gar nicht mehr schreibe. Daher hat es mich gefreut, dass so viele hören wollten, was abseits des Literaturbetriebs entstanden war – ein Literaturbetrieb, der Homestorys oft wichtiger nimmt als das Werk selber.

«Blooms Schatten» mit der Hauptfigur Leopold Bloom lehnt sich an James Joyces «Ulysses» an. Es besteht aus einem einzigen Satz über 140 Seiten hinweg. Wieso ausgerechnet «Ulysses»?

«Blooms Schatten» wollte ich schreiben, seit ich fünfzehn war. Mein neuer Klassenlehrer in Chur, der rätoromanische Schriftsteller Cla Biert, verordnete mir «Ulysses» als Mittel, um mich von dem zu kurieren, was zuvor als Flüchtigkeitsfehler gescholten wurde. Meine Legasthenie verschwand zwar nicht von einem Tag auf den andern, aber die Angst vor den roten Hagelschauern über den Aufsatzseiten war weg und machte der Neugierde für die Wunderwelt der Sprache Platz. Das Buch hat mich reingezogen und seither nicht mehr losgelassen.

Ist das nicht eine besondere Geschichte, ein Legastheniker, der Schriftsteller wird?

Viele Autoren, nicht die schlechtesten, waren oder sind Legastheniker. Der Widerstand, den einem die Sprache bietet, ist fruchtbar, er zwingt zu besonders genauer Arbeit an der Sprache.

Haben Sie als Schriftsteller die Welt verändert?

Als Dichter kann ich versuchen, den Satzbau zu verbessern, nicht die Welt. Das bilden sich Politiker und Prediger ein, für die Sprache bloss Transportmittel ist. Literatur und Kunst haben aber meine Welt verändert. Bücher vermögen neue Horizonte zu eröffnen, Menschen zu bewegen. Handeln muss jeder Mensch aber selber. Kafka sagte: «Bücher sind die Axt, das gefrorene Meer in mir zu spalten.» Der «Ulysses» war für mich so eine Axt.

Was würden Sie denn gerne ändern?

In Zürich wird von Technokraten gerade Kultur weggespart. Das Literaturmuseum im Strauhof mit dem international ausstrahlenden Joyce-Archiv zu schliessen, ist skandalös. Dafür glaubt Zürich Weltoffenheit zu demonstrieren, indem an der Limmat für ein paar Monate ein ausrangierter Hafenkran aufgestellt wird, was doppelt so viel kostet wie mehrere Jahre Museumsbetrieb. Kultur gehört zur Gesellschaft, ohne sie wären wir noch auf den Bäumen. Weltoffenheit hätte man intelligenter gezeigt, wenn man die Jugendschreibwerkstatt, die in den Strauhof kommen soll, eingerichtet in ein paar Schiffscontainern auf Tiefladern dorthin karren würde, wo die Jugendlichen sich tummeln: nicht in der Altstadt, sondern in der Agglo.

Sie haben sich schon einmal über Zürich geärgert. In Ihrem Buch «Zürich, Anfang September», in dem Sie die Jugendunruhen beschreiben. Wie kam es dazu?

Nachdem ich damals auf dem Weg zu einem Freund von der Polizei niedergeknüppelt und als vermeintlicher Plünderer in Untersuchungshaft gesetzt worden war, war mir nach vierundzwanzig Stunden in Polizeigewahrsam schlagartig klar: Das unmittelbar Erlebte, die sich auf der Netzhaut eingebrannten Eindrücke, gehören in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit festgehalten, bevor die Euphorie, wieder draussen zu sein, einen grossen Teil dieser Bilder löscht. Den in der Isolierzelle geschriebenen Text habe ich später zu einem Buch ergänzt, nachdem er wegen des Vetos der Geschäftsleitung nicht wie geplant im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» erscheinen durfte. Die Redaktion entschloss sich daraufhin, den Text als Dokument eines Augenzeugen selber drucken zu lassen und verteilte ihn auf der Strasse. Die 5000 Exemplare waren innert einer Stunde weg.

Was hat dieser Knüppelschlag ausgelöst?

Er hat meinen Glauben an den Rechtsstaat erschüttert. Ich war froh, dank eines Stipendiums nach Berlin ausweichen zu können. Aus einem sind dann fast zehn Jahre geworden.

Was wollen Sie mit Ihrer Literatur erreichen?

Muss ich als Autor etwas erreichen wollen? Ich schreibe, weil ich das Bedürfnis habe, zu schreiben, wie ein Maler das Bedürfnis, zu malen. Wie Kolumbus breche ich auf, eine Welt zu entdecken. Ich kann immer wieder nach Indien aufbrechen, und wenn ich Glück habe, komme ich in Amerika an. Wenn meine Texte beim Leser oder bei der Leserin Denkprozesse auslösen, sie aufbrechen lassen – wunderbar. An den Titeln ist abzulesen, welche meiner Bücher mir wichtiger sind. Sehr lange feilte ich an den Werken mit den kurzen Titeln, in der Meinung, dass es nichts Endgültiges gibt, ausser dem Tod – und gegen diesen Feind, dem am Ende niemand entkommt, schreibt Dichtung seit je an. Die Bücher mit den langen Titeln sind in kurzer Zeit entstanden, wenn etwas unter den Nägeln brannte, als Stellungnahmen zum Zeitgeschehen.

Einer Ihrer Texte heisst «Guai», italienisch für «wehe». Dafür haben Sie 1994 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Was wollten Sie mit «wehe» ausdrücken?

Der Text ist Teil meiner Auseinandersetzung mit Bildern des Fotokünstlers Hans Danuser. Bedrohliche Bilder von der Atomenergie bis zur Gentechnologie, tabuisierte Schaltstellen unserer Zivilisation. Am Wettbewerb habe ich einen Text zum Motto «Der Tod und das Mädchen» vorgelesen. Ein Pathologe versucht darin sezierend dem Wunder des Lebens auf die Spur zu kommen und hat am Ende nichts als zerschnipselte Organe.

Mögen Sie Gruseliges?

Mein abergläubischer Grossvater hatte eine grössere Ahnung vom Wunder des Lebens, indem er mich in die Welt der Sagen einführte, wofür ich ihm dankbar bin. Als Kind leistete ich ihm im Sommer jeweils Gesellschaft auf der Alp. Es waren schaurige und angsteinflössende Geschichten – einfach wunderbar.

Wie können Sie Angst wunderbar finden?

Mein Grossvater erzählte, weil er sich fürchtete – und regte damit meine Fantasie an. Im Nebel auf der Alp, allein mit meinen Ziegen, wurden dann hinter jedem morschen Baumstrunk und jedem Felsblock seine gespenstischen Gestalten bedrohlich lebendig. Dann habe ich laut gesungen, um die Angst zu bannen.

Man würde sich lieber nicht fürchten müssen. Meinen Sie nicht auch?

Erinnern Sie sich doch an Grimms Märchen. Es sind fürchterliche Geschichten, doch wie hab ich diese als Kind geliebt. Die mythische Welt ist eine prägende Welt. Später ist man gewappnet, hinauszuziehen und Neues zu entdecken.

Welche Geschichte erzählen Sie am liebsten?

Eigentlich schreibe ich immer dieselbe Geschichte. Die des Hansli, den es in die Welt hinauszieht, wo er das Staunen und das Fürchten lernt.

Reto Hännys Lebensgeschichte? Der Bergler, der nach Zürich kommt und die Welt entdeckt?

Na ja, «autofiktionalisiert» zumindest in meinem Buch «Flug».

Der Schriftsteller Urs Widmer sagt, Sie schreiben «Literatur im grösstmöglichen Abstand zum Mainstream». Tun Sie das absichtlich?

Ein Autor schreibt, wie er schreibt, weil er nicht anders kann. Was da steht, ist das Resultat eines langwierigen und mühsamen Prozesses. Ich arbeite laut an meinen Sätzen, ähnlich wie man sich früher am Ofen Geschichten erzählte. Ein Text muss für mich klingen. Mit Sprachklängen versuche ich Bilder zu erzeugen. Als Autor übernehme ich nur die Hälfte der Arbeit, die andere macht der Leser. ­Damit es funktioniert, braucht es aber lange Weile ...

... also Zeit ...

Ja, denn Literatur, wie sie mich interessiert, ist nie langweilig. Das Abenteuer des Erzählens ist so spannend wie das erzählte Abenteuer – und das vielleicht Schönste dabei: Lesen macht keinen Lärm.

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