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Mutter Schaffroth zog den Karren

Eineinhalb Jahre alt war Albert Schaffroth, als sein Vater tödlich verunglückte. Bis er die Nach­folge im Pflästereigeschäft antreten konnte, führte seine Mutter den Betrieb und sicherte damit dessen Existenz.

Frauen kommen in der Wirtschaftsgeschichte nicht allzu häufig vor. Damit wird ihre Leistung grob unterschätzt. Gerade in Gewerbebetrieben waren häufig sie es, die den Übergang und damit den Weiterbestand der Firma sicherten, wenn der Sohn nach dem Tode des Mannes die Nachfolge noch nicht antreten konnte. Bei der Firma Schaffroth & Späti, die inzwischen nicht mehr existiert, wissen wir etwas mehr, weil Albert Schaffroth (1876–1955) in seinem Lebenslauf die Leistung seiner Mutter würdigte. Im Zisternenschacht erstickt Seit fünf Jahren betrieb Schaffroths Vater in Winterthur am Wildbach sein vom verstorbenen Schwager übernommenes Pflästereigeschäft, als das schreckliche Unglück die Familie traf. Der Vater erstickte im September 1877 bei Arbeiten im «Rheinfels» in einem Zisternenschacht, gemeinsam mit dem Sohn von Wirt Göggel und zwei Arbeitern. Albert Schaffroth war damals eineinhalb Jahre alt, seine Schwester zwei Jahre älter. «Die arme Mutter musste eine schwere Last auf sich nehmen», schreibt Albert Schaffroth in seinen Erinnerungen. «Zwei kleine Kinder, das Geschäft und ein im Bau begriffenes Haus, und keine finanzielle Hilfe. Es gab damals weder Unfall- noch Lebensversicherungen.» Das simmt nicht ganz: Es gab sie zwar, aber die «Winterthur Unfall» war beim Unfalltod von Vater Schaffroth gerade mal zwei Jahre alt. «Auch die Verwandtschaft war alles, nur nicht hilfsbereit», hält Schaffroth weiter fest. Doch «die starke Mutter» habe «mit nie erlahmender Ausdauer und mit grossen Entbehrungen» die Not bezwungen und durchgehalten, in der Hoffnung, das Erbe des Gatten und Vaters auf ihren Sohn übertragen zu können. Dass Anna Schaffroth-Drössel (1848–1921) in einer schwierigen Lage und eine Frau war, kümmerte den Markt wenig. «Während vollen 18 Jahren», so ihr Sohn, «hielt die liebe Mutter unter schwierigen Verhältnissen das Geschäft aufrecht und hoffte ständig, dass ich bald eingreifen könne, denn die böse Konkurrenz nahm auf die arme Witwe keine Rücksicht.» Der Umgang mit den Gesellen, die bei ihr arbeiteten, war ebenfalls kein einfacher. Anna Schaffroth hat in der Firmenchronik wenigstens einen kurzen Eintrag erhalten. Doch weil Albert Schaffroth, der das Geschäft 1896 übernahm, auch im öffentlichen Leben eine Rolle spielte, weiss man über ihn viel mehr als über seine tüchtige Mutter. Er trat, während die Gewerbler sich sonst eher bei den Demokraten engagierten, dem Freisinnigen Gemeindeverein bei, sass 23 Jahre im Gemeinderat, präsidierte 1914 bis 1919 den Gewerbeverband, wurde 1917 Mitglied der Bankkommission des Sitzes Winterthur der Schweizerischen Volksbank und 1933 deren Präsident, war Mitglied der Freimaurerloge Akazia und des Schweizer Alpen-Clubs und liebte das Militär. Nachdem Schaffroth im Laufe der Jahre in den Gussasphalt sowie in Boden- und Dachbeläge diversifiziert hatte, gab er die Pflästerei 1933 auf. Drei Jahre später trat Max Späti als Geschäftsführer in die Firma ein. Das sicherte den nächsten Übergang: Nach dem Tod Schaffroths wurde Schaffroth & Späti, wie das Unternehmen nun hiess, von Max Späti, später von dessen Sohn Peter weitergeführt. In den 1980er-Jahren trat Rechtsanwalt Hans-Jacob Heitz auf den Plan. Er wurde 1987 Verwaltungsrat und 1993 Alleinaktionär. Wenige Jahre später verschwand die Firma von der Bildfläche. «Finanziell total ruiniert» Die Firma Schaffroth ist kein Einzelfall. Helfend einspringen mussten 1916 auch die Frauen von zwei Winterthurer Gewerbetreibenden, die wegen eines Engagements im Baselbiet in Konkurs geraten und «finanziell total ruiniert» waren. «Das Baugeschäft Häring und das Malergeschäft Schmassmann werden nun von den betreffenden Frauen weitergeführt», hiess es in einem Zirkular des Gewerbeverbands. Und das 1780 gegründete Eisenhandelsgeschäft Goldschmid am Untertor wurde im 19. Jahrhundert zweimal von Frauen vor dem Untergang bewahrt.

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