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Myni, was ist Schönheit?

Die junge Tätowiererin aus Zürich beschäftigt sich intensiv mit Äusserlichkeiten. Im Alltag würde sie nie ohne Styling auftreten. Trotzdem ist ihr Schönheitsideal erstaunlich natürlich.

Worauf schauen Sie, wenn Sie jemanden zum ersten Mal treffen?Myni the Rocket: Auf die Ausstrahlung. Manchmal stecke ich mir auf meinem Arbeitsweg bewusst keine Stöpsel in die Ohren und ziehe keine Sonnenbrille an. Wenn man Blickkontakt aufnimmt und lächelt, schauen einen die Menschen anders an. Manchmal kommt sogar ein Lächeln zurück. Ist man hingegen schlecht drauf, kann es sein, dass einen niemand beachtet, nicht einmal wenn man so aussieht wie ich.Wie betrachten Sie einen neuen Kunden? Bei einem Kunden schaue ich zuerst auf die Gesamterscheinung, darauf, ob er gepflegt ist. Das hat vielleicht mit der Sicherheit zu tun.Mit der Sicherheit? Manchmal sieht man den Leuten an, dass sie eine verlebte Vergangenheit haben, etwa mit Drogen. Ich bediene solche Kunden zwar ganz normal, bin aber zum Beispiel vorsichtiger, weil sie HIV-positiv sein könnten. Dennoch versuche ich ohne Vorurteile auf alle Menschen zuzugehen.Wie frei sind Ihre Kunden in der Gestaltung einer Tätowierung? Die Grundidee kommt vom Kunden. Die meisten wissen, was sie wollen. Sie bringen oft ein Bild mit, das ich allenfalls abändern muss, weil es sonst nicht tätowierbar wäre. Nach unserer Berufsregel zeichnen wir jede Tätowierung selbst. Also auch wenn jemand mit dem Bild eines Tattoos kommt, interpretiere ich es neu, in meinem Stil.Gibt es Motive, die Sie nicht tätowieren? Kürzlich wollte sich ein ganz Junger ein Hanfblatt stechen lassen. Ich gab zu bedenken, dass er das in zehn Jahren nicht mehr gut fände. Ich sage nicht von vornherein Nein, leite die Idee aber in eine andere Richtung. Der Kunde muss sich zu hundert Prozent sicher sein.Gibt es nichts, das Sie nicht machen? Kollegen fragen oft, ob ich theoretisch auch rechtsradikale Symbole stechen würde. Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht. Das kommt ganz auf den Kunden an. Wenn das ein gesetzter Mann ist, der mitten im Leben steht und das unbedingt will, – war­um nicht? Ich würde es aber für mich behalten und nicht im Internet zeigen wie normale Motive.Sie würden also jemandem ein Hakenkreuz tätowieren? Hm, das wäre schon etwas krass. Aber ein Kriegssymbol eventuell schon. Wenn ich merke, dass der Kunde zweifelt, gebe ich ihm eine Bedenkfrist. Wenn man so stark tätowiert ist wie ich, weiss man, wie die Gesellschaft auf Tätowierungen reagiert.Wie reagiert sie? Ganz unterschiedlich. Egal ob positiv oder negativ: Man muss damit umgehen können und einen starken Charakter haben, um auch einmal Konter zu geben oder Kritik runterzuschlucken. Was hören Sie denn von den Leuten? Einige stempeln einen ab. Sie haben das Vorurteil, dass ‹tätowiert› auch ‹asozial› bedeutet. Sogar Menschen in meinem engsten Umfeld haben schon gemeint, dass ich keinen Job hätte, nur rumhängen und Drogen konsumieren würde. Sie sind erstaunt, zu hören, dass ich selbstständig bin und eine Lehre mit Berufsmatur gemacht habe.Wie reagieren Ihre Verwandten, etwa Ihre Grosseltern, auf Ihre Tattoos? Eine meiner Grossmütter ist recht locker, hat selbst mit 55 ein Nasenpiercing machen lassen. Sie findet meine Tattoos easy. Die andere Grossmutter schweigt diskret. Mein Grossvater hingegen ist interessiert, seit ich selber tätowiere. Er setzt sich mit dem Thema auseinander und besucht mich auch im Studio. Obwohl ich inzwischen sehr viele Tätowierungen habe, fällt ihm immer gleich auf, wenn ich eine neue habe.Sie wohnen ja nicht in der Stadt, sondern in einer Gemeinde im Säuliamt. Wie reagieren Ihre Nachbarn auf Sie? Ich spaziere dort nicht durchs Dorf, sondern steige nur vom Zug auf den Bus um. Die Leute schauen schon ein bisschen, aber in der Stadt, etwa in Zug, glotzen sie richtig. Zum Teil drehen sie sich sogar um.Heute haben doch viele ein Tattoo. Ja klar, in Zürich sieht man heute an jeder zweiten Ecke einen Fullsleeve, einen voll tätowierten Arm. Vielleicht ist mein Aussehen aber eine Nummer grösser. Meistens geht es wohl nicht um die Tätowierungen, sondern um meine blauen Haare oder ums Gesamtpaket.Welche Tätowierung war Ihre erste? Eine Ameise auf dem Fussknöchel. Welche die aktuellste? Ein Morgenstern, also die mittelalterliche Waffe und das Verteidigungsmittel von Super Mario, auf dem Daumen.Ist ein Tattoo für Sie Accessoire oder Provokation? Meine Tätowierungen sind ein Sinnbild für Freiheit. Dass wir in der Schweiz so herumlaufen dürfen, wie wir wollen, ist ein Privileg. Ich mache meine Tattoos für mich. Ich kann mich so ausleben.Haben Sie keine Angst, dass Sie im Alter Ihre Tätowierungen bereuen? Nein. Wenn man so viele Tätowierungen hat, bringen solche Gedanken nichts. Klar würde ich einige Sachen anders machen, wenn ich könnte.Nämlich? Die Tätowierungen auf meinem rechten Arm würde ich besser planen: keine anderen Motive, aber besser platziert.Sie sind ein Gesamtkunstwerk. Gehen Sie auch mal ungestylt raus? Nur wenn ich mit dem Auto schnell zu einer Kollegin fahre. Im Alltag bin ich immer zurechtgemacht. Da mich andere ohnehin anschauen, biete ich ihnen gerne etwas.Was denken Sie denn, wenn Sie morgens in den Spiegel blicken? Gemeine Frage. Am Morgen sehen doch alle zerknittert aus. Ungeschminkt bin ich einfach ich. Diesen Anblick teile ich gerne mit Menschen, die mir nahestehen, jedoch nicht mit Fremden. Sie beschäftigen sich intensiv mit Ihrem Äusseren. Sind Sie oberflächlich? Eitel ist wohl das bessere Wort. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst, auch im Beruf oder im Umgang mit meinen Freunden. Und ich betrachte gerne gepflegte Menschen, denen man ansieht, dass sie sich Gedanken über ihr Äusseres machen. Ich beurteile sie aber nicht nur danach.Finden Sie sich schön? Ja. Das darf man schon so sagen.Fänden Sie sich auch ohne Tätowierungen schön? Schön schon, aber langweilig.Was ist Schönheit? Charaktersache und Ausstrahlung. Wenn du innerlich nicht schön bist, bist du auch äusserlich nicht schön. Jeder kann schön sein, auch wenn er überhaupt nicht der Norm entspricht. Jeder kann das Beste aus sich herausholen, wenn er nur will.

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