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Mythisch aufgeladene Zeugen aus Sarajevo erzählen vom Urknall des Ersten Weltkriegs

Das Attentat auf Österreichs Thronfolger vom 28.Juni 1914 in Sarajevo ist der Startschuss zum Ersten Weltkrieg. Man meint dessen fernes Echo zu hören, wenn man im Heeresgeschichtlichen Museum Wien das Auto des Opfers oder die Mordwaffe bestaunt.

Das Einschussloch in einem Krater abgeblätterten Lacks liessen die Konservatoren unangetastet, als sie den legendären Oldtimer im Heeresgeschichtlichen Museum Wien auffrischten. Hier drang der erste Schuss ein, den der serbische Attentäter Gavrilo Princip vor 100 Jahren um 10.45 Uhr aus einer Browning-Pistole vom Kaliber 9 Millimeter abfeuerte. In Sarajevo, damals Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bosnien-Herzegowina. Das Projektil durchschlug die Karosserie, die noblen Sitzleder und zerriss im Unterleib von Erzherzogin Sophie von Hohenberg eine Vene. Der zweite Schuss traf Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg-Este, Thronfolger des Kaiserreichs Österreich-Ungarn, in den Hals und zerfetzte die Halsschlagader und den Kehlkopf. Das Paar verblutete auf der Fahrt zurück in den Konak, den Regierungssitz von Sarajevo. Franz Ferdinand verschied dort auf einer Chaiselongue.

Am Ursprung des Weltkriegs

Die in das Attentat involvierten Gegenstände sind ab morgen in einem neu gestalteten Saal des Heeresgeschichtlichen Museums wieder für das Publikum zugänglich. Das Nobelauto der Wiener Marke Gräf&Stift erinnert mit seinem aufklappbaren Verdeck, den Spannriemen aus Leder und den Holztrittbrettern an eine majestätische Pferdekutsche. Die ausgebleichte Uniform des Thronfolgers mit dem zerrissenen blauen Waffenrock ruht in einer klimatisierten Vitrine. Neben der Mordwaffe und der Chaiselongue wird sogar Franz Ferdinands blutgetränktes Hemd gezeigt. Nur für ein paar Tage, denn unter Lichteinfluss schreitet die Zersetzung der braun gewordenen Blutflecken schnell voran. Tausende Besucher werden zum 100-Jahr-Jubiläum des Ersten Weltkriegs zu den mythisch aufgeladenen Objekten aus Sarajevo pilgern. Wer sie betrachtet, meint erschauernd das ferne Echo des Startschusses zum Ersten Weltkrieg zu hören. Er gilt als eine Urkatastrophe Europas, die die Kaiserreiche von Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland und der Osmanen 1918 von der Landkarte fegte. Seine ersten Schüsse fielen am 28.Juni 1914 in Sarajevo, seine ersten Toten waren Franz Ferdinand und Sophie.

«Keine inszenierten Reliquien»

Kritikern kommt das Arrangement der Objekte aus Sarajevo wie ein makabrer Totentanz patriotisch aufgeladener Reliquien der versunkenen Donaumonarchie vor. Man inszeniere keine Reliquien, widerspricht M.Christian Ortner, der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums. Man präsentiere ohne Pathos und Firlefanz, aber mit Respekt «Originalobjekte, die förmlich Geschichte atmen und eine Aura ausstrahlen». Natürlich würden die Objekte starke Emotionen auslösen, räumt Ortner ein. Aber Emotionen seien individuell und gehorchten nicht vorgegebenen Deutungsmustern. Das Ziel der Präsentation nach neusten konservatorischen Erkenntnissen sei «Faszination und nicht Verklärung». Wenn sich das denn trennen lässt. Gegen den Vorwurf einer patriotischen Inszenierung spricht für Ortner, dass die Objekte auf je anderen, bisweilen skurrilen Wegen und zu verschiedenen Zeiten ins Museum gelangt sind. Im neuen Buch «Das Auto von Sarajevo» (Edition Winkler-Hermaden) gehen Ortner und Co-Autor Thomas Ilming dem letzten Weg des «geschichtsträchtigsten Oldtimers der Welt» (Untertitel) nach. Er stammt aus einer Epoche, als Autos noch rare Luxusobjekte waren. Erworben hatte ihn 1910 Graf Franz Harrach, Flügeladjutant von Franz Ferdinand. Harrach gehörte dem Freiwilligen Automobilkorps an, das der mangelhaft motorisierten Armee Österreich-Ungarns Privatfahrzeuge zur Verfügung stellte. Nach seinem Besuch von Sommermanövern rund um Sarajevo machte Franz Ferdinand auch den Lokalbehörden seine Aufwartung. Der Besuch sollte in der Region das Ansehen der Donaumonarchie stärken, da sie 1908 Bosnien-Herzegowina annektiert und dadurch Nachbarstaaten wie Serbien provoziert hatte.

Autoirrfahrt durch Sarajevo

Weil das Wetter freundlich war, wählte Franz Ferdinand für den Autokorso durch Sarajevo Harrachs Wagen, dessen Verdeck sich herunterklappen liess. Im offenen Auto war der schlampig bewachte Thronfolger ein exponiertes Ziel für die bereitstehenden jungen Attentäter der Geheimorganisation Junges Bosnien. Nationalistische Serbenkreise hatten sie mit Waffen und Wissen über den Weg des Autokorsos ausgestattet. Die erste Attacke mit einer Handgranate misslang. Franz Ferdinand persönlich wischte sie geistesgegenwärtig vom Verdeck des Wagens, bevor sie detonierte. Die Route wurde geändert, der Fahrer geriet aber irrtümlich auf die ursprüngliche Strecke. Gavrilo Princip, der frustriert über das Scheitern des ersten Attentatsversuchs in einem Kaffee sass, sah den Wagen mit dem Thronfolger plötzlich wenige Meter vor sich und schoss, bevor er in einem Tumult überwältigt wurde. Graf Harrach, der Besitzer des Autos, hatte an der verhängnisvollen Fahrt teilgenommen und versuchte den Thronfolger nach dem tödlichen Schuss aufrecht zu halten. «Dieses aufwühlende Erlebnis dürfte ihn veranlasst haben, sein unglücklich belastetes Auto Kaiser Franz Josef zu vermachen», nimmt Direktor Ortner an. Der Wagen ist nach dem Attentat keinen Meter mehr gefahren. Der Zähler verharrt seit dem 28.Juni 1914 bei 8596 Kilometern. Weit gekommen ist das Auto nicht. Es leidet denn auch nicht an Abnutzung, sondern an 100-jährigen Standschäden. Kaiser Franz Josef, dessen Nachfolger Franz Ferdinand geworden wäre, vermachte den Wagen dem damaligen Heermuseum im Wiener Arsenal. Dort traf der Wagen im August 1914 ein – mit dem Zug.

Sofa soll in Österreich bleiben

Damit Franz Ferdinands Uniform ins Museum kam, waren laut Direktor Ortner Verhandlungen mit den Nachkommen des Thronfolgers nötig. Sie stellen dem Museum die Uniform nun als Dauerleihgabe zur Verfügung. Auch Revolver und Hemd sind Dauerleihgaben – der Jesuiten. Der Jesuitenpriester Peter Puntigam, der Franz Ferdinands Leichnam gesegnet und die letzte Ölung vorgenommen hatte, erwarb die Gegenstände aus der Asservatenkammer des Gerichts von Sarajevo. Puntigams Plan eines Franz-Ferdinand-Museums scheiterte, sein Nachlass wurde zerstreut. Drei Pistolen der Attentäter, die nun gezeigt werden, tauchten erst 2004 wieder auf. Die Chaiselongue gehörte zum Nachlass des bosnischen Landeschefs. Schliesslich habe sich die Auffassung durchgesetzt, dass sie «in Österreich bleiben muss», sagt Direktor Ortner, dessen Haus die Chaiselongue mit privater Unterstützung ersteigerte. Der Vorwurf, die Sarajevo-Objekte würden patriotisch inszeniert, hat auch mit ihrem Aufbewahrungsort zu tun. Das Heeresgeschichtliche Museum ist ein Bau im 1856 eröffneten Arsenal neben dem neuen Wiener Hauptbahnhof. Die grandiosen Räume in byzantinischem Stil dienten dem kaiserlich-österreichischen Heer noch zu Lebzeiten der Donaumonarchie als Museum und Ort der Selbstinszenierung.

Strandgut einer alten Epoche

Nach Österreich-Ungarns Untergang erwog man, die Bestände des Waffenmuseums ins Ausland zu verkaufen. 1920 wurde es im neu gegründeten Reststaat Österreich neu eröffnet. In der Alpenrepublik muten die Exponate einer einstigen Monarchie seither skurril an. Einen Besucher aus der erzrepublikanischen Schweiz berührt die sakrale Präsentation des kaiserlichen Strandguts aus einer versunkenen Epoche seltsam. Das Museum überlebte trotz Bombardierung auch den Zweiten Weltkrieg und wurde 1955 wiedereröffnet. Seine wechselhafte Geschichte und die Umwertung militärischer Gewalt drücken sich im heutigen Slogan der Institution aus: «Kriege gehören ins Museum.» Ungeschminkt und kritisch wird der militärische Niedergang der Donaumonarchie im 19.Jahrhundert und Österreichs Zeit unter den Nationalsozialisten dargestellt. Erfährt man im Museum, ob das Attentat von Sarajevo der Auslöser des Ersten Weltkriegs war? «Es war eher ein Anlass, ein Funke ins Pulverfass», sagt Direktor Ortner. Österreich-Ungarn stellte Serbien am 23.Juli ein unerfüllbares Ultimatum, das die Mitwirkung österreichischer Organe bei der Aufklärung des Attentats verlangte. Serbien lehnte ab. Am 28.Juli 1914 erklärte Österreich Serbien den Krieg. In einem Dominoeffekt der Kriegserklärungen stürzten sich nun die Mittelmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich gegen die Allianz von Frankreich, England und Russland ins Gefecht. Das angespannte Gefüge der Grossmächte kollabierte. «Der Auslöser des Kriegs ist ein komplettes Versagen von Europas politischem System», sagt Christian Ortner. Der Attentäter Gavrilo Princip hat übrigens das Ende der von ihm glühend gehassten Donaumonarchie, zu deren Auflösung er beitrug, nicht mehr erlebt. Sechs Monate vor ihrem Zerfall in Einzelstaaten starb er, erst 23-jährig, im April 1918 in der Haft in Theresienstadt an Typhus. Das Auto mit dem Loch seines ersten Schusses aber lebt gerade neu auf.

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